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Was lernen wir aus dem Prolactal-Skandal


02.03.2010
Verschiedene Marktforschungen belegen die Sehnsucht der Bevölkerung nach unverfälschten, natürlichen Lebensmitteln höchster Qualität. Ob dies beim gegenständlichen Fall und der Marktphilosophie mit globalen Verflechtungen möglich ist, lässt sich bezweifeln.
Es läuft immer wieder nach dem selben Schema ab, ein Massenprodukt wird industriell verarbeitet und mit einem bäuerlichen Namen oder einer bekannten Region versehen.
Im gegenständlichen Fall stammte die Milch zur Gänze aus den Niederlanden, wurde dann nach Deutschland exportiert, dort zu Industrietopfen verarbeitet, nach Hartberg transportiert, dort zu "Hartberger Bauernquargel" verarbeitet und wieder unter Inanspruchnahme von Exporterstattungen im EU-Raum verkauft.

Zwei andere Beispiele gefällig:
Zwei namhafte große Speckerzeuger in Nord- und Südtirol verarbeiten Schweine aus Norddeutschland, Belgien und Holland und vermarkten sie erfolgreich und DLG-prämiert mit der jeweiligen Landesbezeichnung. Natürlich wird auf firmeneigenen Verkaufsständen oder Autobahnraststätten mit kleinbäuerlichem Image geworben.
Die Marke "Tiroler Speck" darf seit dreizehn Jahren das EU-Gütesiegel "geschützte geografische Angabe (g.g.A.)" tragen. Dieses stellt sicher, dass mindestens eine Produktionsstufe - also Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung - im Herkunftsgebiet durchlaufen wird. Dieser Markenschutz erhebt somit gar nicht den Anspruch, Tiroler Speck müsse Tiroler Schweine beinhalten.
Die EU hat drei Gütesiegel für Agrarprodukte zu vergeben.
Die g.g.A. ("geschützte geografische Angabe") sieht vor, dass mindestens ein Verarbeitungsschritt im Herstellungsgebiet stattfindet.
Die g.U. ("geschützte Ursprungsbezeichnung") ist strenger und verlangt, dass sowohl Erzeugung, Verarbeitung als auch Herstellung in einem bestimmten Gebiet stattfinden.
Die g.t.S. ("garantiert traditionelle Spezialität") kennzeichnet eine traditionelle Zusammensetzung oder Herstellung/Verarbeitung. Ein Beispiel hier ist die Sachertorte.

Ein Schokoladenkonzern wirbt mit den Alpen, von einem dort ansässigen Milchtrockenwerk wird das Trockenmilchpulver bezogen und zu Schokoladen veredelt. Mit dem Sponsoring von Almprämierungen im Nationalpark wird eine Beziehung zu Almen und lila Milchkühen hergestellt. Wie hoch der Anteil von Almmilch in der Schokolade ist, wäre interessant zu erfahren.

Nun werden die Leser sagen, das sind alles bekannte Mechanismen und betreffen gewinnträchtige Nahrungsmittelindustrien. Nachfolgend möchte der Inhaber dieser Homepage auf eine bedenkliche Entwicklung im speziellen Fachbereich der Almwirtschaft hinweisen:
Vielfach kommen als Ergebnis von Zuchtbemühungen Hochleistungskühe mit 9.000 oder 10.000 kg Jahresmilchleistung auf Almen (zumindest 60 Tage für den Erhalt der Alpungsprämie). Aus Fütterungsversuchen ist bekannt, dass diese Kühe ca. 50 % der Energie und des Eiweißes aus dem Kraftfutter decken. Diese Kühe mit teilweise gewichtiger Körperverfassung erhalten also Kraftfutter aus Ackerbaugebieten oder Entwicklungsländern (Nahrungsmittel das Menschen) und vielfach importiertes Heu.
Die Milch wird dann als hochwertige Almmilch beworben und verkauft, wohlwissend, dass nur mehr rund die Hälfte aus almeigenen, vielfältig zusammengesetzten Weiden stammt. Und weiters ist den Fachleuten auch bekannt, dass wertvolle Inhaltsstoffe, wie z.B. die Omega-3-Fettsäuren, Vitamine, Spurenelemente nur mehr eingeschränkt vorhanden sind und mit den zugeführten Nährstoffen die vielfältigen Pflanzengesellschaften verändert werden können. Auch die Abgabe von klimaschädlichen Pansengasen steigt mit der Leistungshöhe der Tiere.
Politiker und Fachexperten sind sich bewusst, dass in Berggebieten mit erschwerten und aufwändigen Erzeugungsbedingungen nicht anonyme Massenprodukte sondern ehrlich erzeugte und mit Markennamen versehene Qualitätsprodukte die Zukunft der Bauern sichern können.

Dabei haben nach dem Weinskandal in Österreich im Jahre 1985 die Bauern richtige Schlüsse gezogen:
Man besann sich in Produktion und Vermarktung auf Qualität und konnte so den entstandenen Imageschaden mit der Zeit vergessen machen. Seit Ende der 1980er Jahre konnten die Exporte um das Fünffache gesteigert werden. "Bereits im März wird sich das EU -Parlament mit der Herkunftskennzeichnung befassen?, sagt Landwirtschaftskammer-Experte Christian Jochum. Besonders für Milch, Fleisch, Wurst und Käse will man dringend eine Herkunfts-Kennzeichnung (?Kurier? vom 26.02.2010).


EU-geschützte Ursprungsbezeichnungen wie Vorarlberger und Tiroler Alpkäse, Vorarlberger und Tiroler Bergkäse, Gailtaler Almkäse, Tiroler Graukäse und vor allem biologische, streng kontrollierte Lebensmittel vom Ernte-Verband oder den Produkten von "ja!Natürlich" und "Zurück zum Ursprung" bieten durch die Berücksichtigung von Lebenskreisläufen, der frischen Verarbeitung mit möglichst kurzen Transportwegen bei sensiblen Milchprodukten usw. den Konsumenten die Gewähr, hochwertige LEBENS-mittel genießen zu können. Die damit erzielte Wertschöpfungssteigerung stärkt das Einkommen der landw. Betriebe und die regionalen Strukturen.

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Der Preisdruck in der Landwirtschaft ist derzeit enorm


14.02.2010
Auch nach Berücksichtigung der Direktzahlungen sind die Preise für unverarbeitete landw. Produkte vor allem im Berggebiet nicht kostendeckend. Die Bergland- und Almwirtschaft hat trotzdem Zukunftschancen, wenn sie hochwertige Lebensmittel erzeugt, am besten in biologischer Qualität mit geschützten Markennamen. Dabei weisen neueste wissenschaftliche Untersuchungen auf den hohen gesundheitlichen Wert von Milch aus Weidehaltung hin. Auf Almen gibt es bei den Omega-3-Fettsäuren in Milch und Fleisch die höchsten Gehalte. Es wird vermutet, dass der Höheneffekt und die Bewegung der Tiere dafür mitverantwortlich sind.
Es gibt derzeit Überlegungen, mit Leinsamenbeifütterung höhere Omega-3-Fettsäurengehalte zu erreichen. Ob sich bei dieser Marketingstrategie die Produkte der Berglandwirtschaft von den anonymen Massenprodukten der intensiven Agrarländer abheben können, erscheint fraglich.


Arbeitstreffen der internationalen Plattform Alm-/Alpwirtschaft

Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Almwirtschaft aus Slowenien, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz, Italien und Österreich hat es sich bei zwei Treffen in Imst/Tirol zur Aufgabe gemacht, gemeinsame Wege zu suchen, die den Weiterbestand der Almwirtschaft in den Alpenländern sichern

Es wurde ein Positionspapiers der Internationalen Almwirtschaft erstellt um die Almwirtschaft und ihre Bedeutung für den Alpenraum bei der Ministerkonferenz der Alpenkonvention im Jahr 2009 zu dokumentieren. Bei den konstruktiven Diskussionen hat sich herausgestellt, dass die Alpenländer in vielen Bereichen ähnliche Herausforderungen zu meistern haben. Vordringlich sollen gemeinsame Strategien zu 5 Themen unternommen werden:


Änderung im Österreichischen Almwirtschaftsverein

Dazu eine kurze Bemerkung: In der Bewirtschaftung des Bergraums sind sehr viele Fachbereiche vernetzt. Der Schreiber dieser Zeilen hat in der täglichen Arbeit den Eindruck gewonnen, dass doch eine größere Gruppe von Alm- und Bergbauern die Multifunktionalität ihrer Arbeit nicht richtig erkannt hat, sie sehen ihre Tätigkeit meist als Lebens- oder Nahrungsmittelerzeuger. Je naturnäher erzeugt wird, umso hochwertiger sind die Produkte, die LEBENSmittel. Darüber hinaus gewinnen jedoch weitere Funktionen immer mehr an Bedeutung, die auf dieser Homepage unter der Rubrik "Funktionen" ausführlich vorgestellt werden.

Die Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern Österreich übernimmt mit der Bildungsinitiative "Multifunktionale Almwirtschaft" eine große Verantwortung für langfristige Entwicklungen im Bergraum, die weit über einen EU-Förderzeitraum hinausreichen. Neben Schulungen für die Erzeugung und Verarbeitung von Qualitätsprodukten wäre es wichtig, auch das Verständnis für die vernetzten Bereiche wie Forstwirtschaft, Boden-, Landschafts- und Umweltschutz, Tourismus und Jagd zu wecken.
Weiters soll das Augenmerk auf die Auswirkungen der Bewirtschaftung, von technischen Maßnahmen und der Klimaänderung auf den Bergraum, die Bedeutung als Erholungsraum und Kulturraum gelenkt werden und im Lehrplan entsprechend Platz finden.
Es gibt spannende direkte Abhängigkeiten der öffentlichen Funktionen von einer standortsgemäßen, nachhaltigen Bewirtschaftung der Bergbauernhöfe, Asten und Almen.
Das dreijährige Forschungsprojekt Alp Austria hat viele Zusammenhänge aufgezeigt. Auch die Klimaänderung wird durch die Zunahme von Temperatur und Starkniederschlägen, von Erosionen, gravierenden Artenverschiebungen usw. besonders den Alpenraum treffen. Für die Erhaltung und Pflege unserer Kulturlandschaft als Nebenprodukt der landw. Erzeugung ist die Bevölkerung bereit, beträchtliche öffentliche Gelder den Bauern zu übertragen. Die Landwirte und ihre Interessensvertretung erkennen zunehmend, dass die Zeit reif ist, verstärkt die Wünsche der übrigen Bevölkerung und der Gäste zu berücksichtigen und ein verstärktes Augenmerk auf die vielfältigen Funktionen bei der Bereitstellung von hochwertigen, unverfälschten Lebensmitteln, sauberem Wasser, Energie, Lebens- und Erholungslandschaft, Biodiversität zu legen.

Die Alpen sind geprägt von einer sprunghaften Naturdynamik (Bätzing, W. 2005: Bildatlas Alpen), der Bergraum unterscheidet sich gravierend vom Talraum, all die Nutzer dieser Region, die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sollen erkennen, dass nicht alles technisch Machbare auch langfristig zum Wohle des Landes und der Bevölkerung gereicht.

Mich würde Ihre Einstellung dazu sehr interessieren, vielleicht schreiben Sie mir einige Zeilen! anonymes Feedback