In der Tierfabrik – Einfühlsamer Artikel von Florian Klenk im Falter

“Sind Sie jetzt geschockt?”

Er kastriert Ferkel ohne Narkose und schlägt auf seine Schweine ein. Tierschützer filmen ihn heimlich dabei. Dann erschrickt der Bauer über sich selbst. Zu Besuch bei einem Schweinezüchter, der sich erstmals die Systemfrage stellt

REPORTAGE UND FOTOS: FLORIAN KLENK
 

Das Video ist 26 Sekunden lang. Es zeigt eine Obststeige, gefüllt mit Ferkeln. Männer in Overalls heben sie aus der Kiste und schneiden ihnen den Ringelschwanz und die Hoden ab. Ohne Betäubung. Die Männer sind ruhig und routiniert, sie plaudern, während sie ihr Werk verrichten. Sie wirken, als würden sie Gemüse putzen.

David Richter, ein Aktivist des Vereins gegen Tierfabriken (VGT), hat das Video zugespielt bekommen und mir gemailt. Normalerweise klicke ich grausame Tierschützervideos weg und verdränge sie. Weil ich aber gerade ein Buch über Bauern schreibe, habe ich genauer hingesehen. Je öfter ich das Video betrachte, je mehr Details ich erkenne, desto ratloser lässt es mich zurück.

Was ist zu sehen? Ein Mann packt die Tiere an den Hinterbeinen, durchtrennt den Ringelschwanz mit einem glühenden Draht. Der Gesetzgeber erlaubt dieses “Kupieren” nur in Ausnahmefällen, etwa wenn Schweine sich aufgrund der Enge im Stall den Schwanz abbeißen. Hier in dieser Halle ist es eng, daher darf das Schwein auch noch verstümmelt werden.

Das Kastrieren: Der Bauer steckt das Ferkel in einen Metallständer, sodass die Schnauze nach unten schaut. Mit einem Skalpell schneidet er den Hodensack auf, schält beide Hoden heraus, wirft sie wie Kirschkerne auf den Boden. Die Ferkel haben höllische Schmerzen, das ist wissenschaftlich erwiesen. Wie Elefanten, Delfine und Primaten können sich Schweine übrigens im Spiegel erkennen, sie sind intelligenter als Hunde.

Der Verein gegen Tierfabriken, vor vielen Jahren zu Unrecht als kriminelle Organisation verfolgt, ist eine bei vielen Bauern regelrecht verhasste Organisation. Das hat einen guten Grund: Der VGT dokumentiert die Hinterbühne der Fleischproduktion, er stellt jene Bilder her, die Agrarindustrie und Supermarktwerbung mit hohem Werbeaufwand von uns fernhalten. Auch das Video, das David Richter schickte, wurde von heimlich versteckten Kameras aufgenommen. Hinter Neonlampen hatten sie Aktivisten mit Kabelbindern fixiert.

Wer in Bauernzeitungen blättert, findet immer wieder Berichte über diese neuen Methoden der Tierwohl-Aktivisten. Manche schwindeln sich als Praktikanten in Betriebe, um dort Kameras zu verstecken. Sie beschädigen nichts, sie stehlen nichts, darum ist ihr Tun auch nicht gerichtlich strafbar, sondern nur als Besitzstörung zivilrechtlich ahndbar. Die ÖVP will diese Form der heimlichen Bildbeschaffung bestraft wissen, die Bauern halten es für einen Eingriff in ihr Privatleben. Im Verwaltungsrecht ist das Betreten der Schweinefabriken durch Unbefugte verboten.

Die Tierschützer aber betonen, ihre Arbeit sei durch die Pressefreiheit gedeckt.

Noch etwas ist wichtig: Der Bauer wird nicht geoutet, seine Familie nicht identifizierend an den Pranger gestellt. Nur so viel gibt der VGT bekannt: Der Mann sei in Jugendjahren Mitglied der ÖVP-Landjugend gewesen. Er habe gegen das Verbot von Kastenständen und Vollspaltenböden demonstriert, jenen mit Exkrementen verunreinigten Betonböden mit Ritzen, durch die Schweine ihren Kot drücken.

Der VGT hat mir nicht nur das Video gemailt, sondern 50 weitere Fotos aus dieser Tierfabrik. Eines zeigt eine rote Mülltonne auf der Rückseite der Halle, sie quillt von toten Ferkeln über. Das Foto zeigt nichts Verbotenes, sondern die staatlich subventionierte Normalität, wie mir Schweinezüchter später erklären. Rund 500 Ferkel jährlich landen allein hier auf diesem Hof im Müll, zehn Prozent Ausschuss, das ist heute die Norm. Man stelle sich vor, das wäre eine Welpenzucht.

Die Körper der weggeworfenen Ferkel sind ein Bild sinnlosen Sterbens. Als ich das Foto auf Facebook poste, wird es von Facebook abgedeckt und mit einer Triggerwarnung versehen, es zeige “Gewalt oder sensible Inhalte”.

Es gibt noch weitere Bilder. Eine Frühgeburt verwest im Kot seiner Mutter, die im sogenannten “Kastenstand” so beengt liegt, dass die Gitterstäbe in den fetten Körper drücken. Ein anderes Tier hat eine faustgroße Eiterbeule am Kopf, eine schmerzhafte Zahnentzündung, wie ich später lerne. Einem Schwein hängen die Gedärme aufgrund eines Bruchs so stark nach unten, dass sie am Spaltenboden streifen.

Die Fotos zeigen aufgerissene Schnauzen, eitrige Klauen, blutige Wunden. Die Neugeborenen verletzen sich gegenseitig im Überlebenskampf, weil die Muttersauen zu wenige Zitzen haben für ihren Wurf, eine Folge von Überzüchtung. Ein Foto, das mir der VGT-Chef Martin Balluch schickt, zeigt eine Schachtel mit dem Hormonpräparat Chorulon, das die Sauen bekommen, damit sie öfter brünstig sind und noch mehr Ferkel werfen. 20 Ferkel pro Sau pro Jahr wurden früher ” produziert”, erzählt mir der mittlerweile zum Veganer bekehrte pensionierte Amtstierarzt Rudolf Winkelmayer. Jetzt sind es 30 Ferkel pro “Gebärmaschine” pro Jahr. Nach vier Jahren ist die Sau ” ausgeschieden”: Die Jungtiere haben zwei Kilo Geburtsgewicht, schon nach drei Monaten Vormast etwa 30 Kilo und nach sechseinhalb Monaten ein Schlachtgewicht von einem Zentner Die Bilder zeigen aber auch die Verrohung des Menschen. Ein Video zeigt den Bauern, wie er ein Schwein tritt und dann mit einem Paddel auf den Kopf schlägt.

Als der VGT all das vorvergangene Woche veröffentlichte, blieb die Diskussion aus, wie immer. Dabei sind zwei Fragen offen: Wieso behandeln wir die Tiere so? Was sagt der Bauer auf dem Video dazu?

Der Hof war nicht schwer zu identifizieren. Der Bauer heißt in dieser Geschichte Johann Meier. Er wollte ursprünglich seinen vollen Namen nennen, dann entschieden wir uns, dass er zum Schutz seiner Kinder anonymisiert wird. Auf Facebook posiert er vor einer fröhlichen Bauernhofkulisse mit seiner Familie. Ich rufe ihn an, er hebt wider Erwarten ab. Er kenne mich aus den Medien, er habe meine Rettungsaktion des Bauernhofs von Christian Bachler und mein Praktikum beim “Wutbauern” verfolgt.

Ich frage ihn: “Reden wir?” Er sagt: “Reden wir.”

 

Herr Meier, sind Sie der Mann auf dem Video, der den Ferkeln ohne Schmerzmittel die Eier abschneidet?

“Es gibt nichts zu beschönigen. Ich wollte schneller fertig werden.”

Ich würde Sie gerne besuchen und fragen, wie es zu diesen Bildern kommt.

“Ich bespreche das mit meiner Familie. Wir haben Angst, was da noch kommt. In einem benachbarten Dorf hat sich ein Familienmitglied einer Bauernfamilie nach einem Shitstorm von Tierschützern fast umgebracht. Ich rufe Sie an.”

Meier ruft tatsächlich zurück. Ich könne vorbeikommen. Er wolle mir seinen Betrieb zeigen, denn hier werde jenes Fleisch produziert, das wir alle essen. Sein Tierarzt werde dabei sein, falls Fragen offen sind. Er habe nur eine Bitte: “Richten Sie uns in Ihrer Zeitung nicht hin.” Und noch einen interessanten Satz schiebt er nach: “Wir Bauern hinken der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher.”

Wenn man auf der Westautobahn einige Kilometer vor St. Pölten auf die Felder blickt, sieht man in der Ferne schon seine unscheinbare Halle. Ich fahre da oft vorbei, aber noch nie fiel mir der Bau auf. Schon gar nicht dachte ich darüber nach, was in solchen Hallen vor sich geht.

Als ich mit Meier telefoniere, um das Interview vorzubereiten, fällt mir sein Dialekt angenehm auf. Er spricht die Sprache meiner Großeltern. Die lebten nur ein paar Dörfer weiter und waren in den frühen 1950er-Jahren Nebenerwerbsbauern. Auf der Fahrt zu Meier erinnere ich mich an die Erzählungen meines Vaters über das Leben in der bäuerlichen Gesellschaft seiner Kindheit.

Da, wo heute der Brei aus Autohäusern, Supermärkten, Kinohallen und Baumärkten die Landeshauptstadt ankündigt, zogen in den 1950ern noch Pferde den Pflug. Ein Besuch in St. Pölten war für viele Bauern eine Seltenheit, das Dorf eine Art Gemeinwohlökonomie, die man nicht verlassen musste. Den Tieren ging es nicht gut, gequält wurden sie nicht. Meine Oma hielt ein paar Schweine auf dem Hof, eines hieß Susi.

Als Susi geschlachtet wurde, glich das einer Zeremonie. Das Dorf kam zusammen, die Sau durfte zuvor noch ein paar Runden im Hof drehen, dann fiel sie nach einem Schuss aus dem Bolzenschussapparat des Nachbarn betäubt um. Frauen pumpten das Blut aus der Sau, indem sie die Vorderbeine bewegten. Männern sengten es und hievten es mit einer Kette auf ein Dreibein. Der Großvater hat es von Innereien befreit und dann zerlegt. Alles wurde genutzt, die Gedärme dienten für die Würste, mit dem Schmalz wurde monatelang gekocht. Wenn ein Schwein abgestochen wurde, fragten die Schulkinder meinen Vater: “Klenki, hast a Blunzen?”

Ich bin 47 Jahre alt, und es kommt mir der Gedanke, wie anders die Welt nur 20 Jahre vor meiner Geburt war. Ein Schwein zu essen war die Ausnahme, gehungert haben die Großeltern dennoch nicht.

Es ist kalt, es dämmert, auf den nebeligen Feldern hocken immer noch Krähen, und Meier empfängt mich in der Einfahrt des elterlichen Hofs. Er ist ein junger, offener Mann. Er stellt mir seine Frau vor und seinen kernigen Tierarzt, der hier die Sauställe betreut.

Es irritiert sie, dass Tierschützer in ihre Welt eingebrochen sind, dass sie gefilmt und bloßgestellt wurden. Sie haben kein Verständnis für solche Methoden, das möge ich bitte auch “reinschreiben”. Ich frage mich: “Wie soll die Gesellschaft sonst von den Methoden erfahren?”

Tierschützer haben heute dank der sozialen Medien mehr Impact als je zuvor: Sie stellen eine neue Öffentlichkeit her. Sie müssen nicht mehr auf der Straße demonstrieren, sondern können das Netz mit gut gemachten Videos fluten. ” Eigentlich sollte Ihr Stall so gut sein, dass Sie selbst eine Webcam reinhängen”, provoziere ich Meier.

Die Familie wird die Stalltüren öffnen, eigene Fehler eingestehen, über die Zukunft diskutieren. Weil es nämlich nicht nur um ihren Hof geht, sondern um ein System, in dem Bauern wie Meier ganz offensichtlich feststecken und abstumpfen und über das sich viel zu wenige Bauern Gedanken gemacht haben – und mit ihnen die schwarze Landwirtschaftspolitik. “Mir wurde ein Spiegel vorgehalten”, sagt Meier selbstkritisch. Ich antworte: “Mir auch.”

Denn hier entstehen die Bilder, aber auch das Produkt Fleisch, das auch ich gerne esse. Aus einem Prospekt der Firma Billa: “Schweinsschnitzel-Großpackung: € 4,99/Kilo.” Ein Schnitzel (200 Gramm) kostet also nur mehr einen Euro. Der Preis einer Packung Kaugummis.

Wir fahren hinaus zum Betrieb, er liegt ein paar hundert Meter entfernt, weil er so stinkt. Ich parke nur wenige Schritte neben den Kadavertonnen, die ich von den Fotos kenne. “Wir können uns nicht um jedes einzelne Tier kümmern. Das rechnet sich nicht”, sagt der Tierarzt. Meine Großmutter hätte das alles hier nicht mehr als “Landwirtschaft” erkannt, antworte ich.

Wer Meier und seinem Tierarzt beim Rundgang konzentriert zuhört, könnte fast glauben, so ein Betrieb sei besser als das natürliche Habitat der Tiere. Hier seien sie geimpft und gesund. Und: Es gehe ja hier auch um den “Versorgungsgrad” der Österreicher, den Wunsch nach Fleisch, die optimierte Produktion. “Die Schweden haben die strengsten Bestimmungen und importieren jetzt Fleisch aus Dänemark”, sagt der Arzt immer wieder. Ist das besser?

Der Tierarzt sagt auch, er sei froh, dass die Schweinezucht in Österreich noch nicht in der Hand von Großkonzernen sei, sondern bei kleinen Familienbetrieben, denn was dort abgehe, könne man sich nicht vorstellen. In den Niederlanden produziere man Schweine auf Tankern und lasse die Gülle ins Meer. In Russland gebe es Betriebe mit 200.000 Tieren.

Wir betreten die Halle über eine hohe Vorhalle. Meier hat hier das Futter in Säcken gelagert, seinen Mais, Soja aus Brasilien, Gerste, Kraftfutter. Ein Computer optimiert das Futtergemisch. An der Wand hängt ein Zettel, der die Rezeptur verrät. “Biomin eFifti Nuriwean 50 %, Gerste 11 %, Mais 7,5 %, Biomin ADF 0,8 %, Biotronic Top Forte 0,4 %, Biomin Propio Bac, 0,1 %”. Futterergänzungsmittel, Mineralstoffmischung, die die Mast optimieren. Meiers Tierarzt erzählt: “Die alten Bauern haben noch Kübel geschleppt, Stroh eingeatmet, an Staublungen gelitten und sich den Buckel krumm gearbeitet.” Jetzt füttere der Computer die Tiere. Über große Rohre fliegt das Zeug zu Futterstationen, vor denen die Schweine warten. Wenn Meier einen Hebel zieht, werden alle Schweine satt. Meier öffnet die Türe zum Stall. Zuerst müssen wir eine Seuchenschleuse passieren, “zum Schutz der Schweine”, die keine Immunabwehr haben, weil sie nie im Freien waren. Ich muss einen Wegwerf-Overall überziehen und in rote Plastikschlapfen schlüpfen, wie ein Chirurg sehe ich aus. Die Architektur erinnert an Gefängnisbauten. Ein langer Gang, links und rechts die Hafträume, nur einen Hof für den Spaziergang im Freien gibt es nicht.

Die erste Abteilung nennt sich “Quarantänekammer”. Hier stehen die neu ankommenden Schweine vier Wochen. Dann folgt der ” Wartestall”, da wird “besamt”. Dann treiben die Bauern die Tiere in den Kastenstand, die verharmlosende Bezeichnung für einen winzigen Käfig. Zehn Tage dürfen die Tiere dort laut Gesetz eingesperrt werden, “zum Schutz der eingenisteten befruchteten Eizellen”, wie der Tierarzt in sachlichem Ton ausführt.

Vom Kastenstand geht es in den “Abferkelstall”, wo die Säue nach der Geburt ihrer Kinder wieder in einen Metallkäfig gesperrt werden, den “Ferkelschutzkorb”. Etwa drei Wochen saufen sie bei der Mutter. Dann geht es weiter in den Ferkelstall, wo die Tiere in zwei Monaten auf etwa 30 Kilo gemästet werden. Zu hunderten stehen sie wie erstarrt da, als ich den Stall betrete. Den Himmel sehen sie nie.

“Finden Sie, dass es hier stinkt?”, fragt Meier. Und wie! Ein beißender Ammoniakgeruch steht in der Luft. Ein ständiges Plätschern hallt durch den Betrieb, die Säue liegen zwar auf Spaltenböden, aber im Grund atmen sie fortwährend die Ausdünstungen des eigenen Kots und Urins. Als wir die Halle verlassen, sammelt Meier noch ein totes Ferkel ein und wirft es in die Tonne. Er fragt: “Sind Sie jetzt geschockt?”

Wir steigen ins Auto und fahren zurück. Bei der Rückfahrt fällt mir auf, dass Bauer und Arzt technisch distanziert über die Tiere gesprochen haben. Alles diene nur ihrem Wohl. Und ich bemerke, wie schnell man sich an die Logik des Betriebs gewöhnt.

Es gibt Apfelstrudel und Kaffee, das Speckbrot lasse ich diesmal aus. Wir diskutieren bis ein Uhr nachts. Meier erzählt, sein Opa habe auf seinem Hof noch Rinder, Pferde und Schweine gehalten, ja, es sei eine “Bilderbuchlandwirtschaft” gewesen. Die Eltern, sie wohnen im selben Haus, spezialisierten sich. 500 Schweine hielt Vater Meier in seinem Stall und verdiente so viel wie der Sohn mit doppelt so viel Vieh. Der Vater sparte ein kleines Vermögen an, 350.000 Euro, die er dem Sohn gab.

Der Sohn lernte in der Schule noch dieselben Sprüche wie der Vater: “Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.” Von Biolandwirtschaft und Selbstvermarktung hörte er nichts.

Meier junior wollte auch wachsen, das war im Jahr 2007. Er ging zur Raiffeisen, holte sich noch einmal 350.000 Euro, dazu eine Förderung über 70.000 Euro, dann verbaute er das Geld in der Schweinefarm. “Damals war das der Stand der Technik. Heute würde ich das nicht mehr bauen.”

Tausend Schweine leben jetzt in seiner Ferkelzucht. Die Landwirtschaft der Eltern wurde zur optimierten Tierfabrik. Ein 30 Kilo schweres Ferkel verkauft Meier aber nur mehr um rund 60 Euro. Bei 5000 Ferkeln, die hier pro Jahr produziert werden, macht das nur mehr 300.000 Euro Umsatz im Jahr. Und der Gewinn? Meier sagt verschämt: “30.000 Euro.” Seine Frau sagt: “Mein Mann ist kein Bauer, der ständig sudert”, er sei “sein eigener Chef”.

Selbstständig sein, das Argument kommt oft, wenn man mit Bauern spricht. “Sind Sie das wirklich?”, frage ich Meier. 30.000 Euro für ein Jahr harte Arbeit in der Schweinefabrik, dazu die Chinesen, die den Fleischweltmarkt dominieren, und die Tierschützer, die heimlich im Stall filmen? Meier denkt nach. Er sagt: “Darüber habe ich mir nie den Kopf zerbrochen.”

Aber wie soll es wirklich weitergehen? Der Tierarzt sagt immer wieder, der Betrieb sei in Ordnung. Ja, da und dort seien Fehler passiert. “Fehler passieren”, das ist der Satz, der oft zu hören ist. Die Tierärzte, so wird mir klar, haben nicht die notwendige ökonomische und strukturelle Distanz, um wirklich streng zu kontrollieren. Ein pensionierter Veterinär spitzt es so zu: Die Kontrollen sind hier so, als würde man Mercedes-Benz dazu verpflichten, das Tempo nur von Mercedes-Fahrern zu überwachen.

Die Tochter krabbelt durch die Stube. Wie viele Schweine wird sie verkaufen müssen, wenn sie den Hof übernimmt? 2000 konventionelle oder doch nur 200 Mangalitza an die Hipster von St. Pölten? Wie viele werden im Müll landen?

Wir reden über Vereine, die Mastställe in Biobetriebe umwandeln, wir sprechen über “Consumer-Supported Agriculture”, neue Genossenschaftsmodelle, wo Bauern von Kunden einen Pauschalbetrag bekommen und sie mit Ware versorgen. Meier wundert sich, dass die ÖVP gegen die Herkunftsbezeichnung von Fleisch in der Gastronomie ist. Dann reden wir über die Landwirtschaft, die Meier auf Facebook gerne herzeigt und die ihm Freude macht: seine Obstplantage. 1,2 Hektar ist sie groß. Nur 50.000 Euro Investitionskosten hat er aufwenden müssen, also einen Bruchteil der Kosten für seine Schweinefabrik. Immerhin 100.000 Euro setzte er vergangenes Jahr mit dem Obst um, das er an eine Supermarktkette vermarktet und mit schicken Etiketten als Marmelade veredelt an Nahversorger verkauft. Ein Gewinn von mehr als 10.000 Euro blieb übrig. Die Margen sind höher.

Obst zu pflücken, so lernte Meier, bringt denselben Ertrag wie die Schweinezucht. Und es bereitet Freude und macht Stolz. Wie es weitergeht? “Ich schau mir das jetzt alles an”, sagt Meier. “Wir müssen was ändern. Es wird etwas dauern. Kommen Sie in fünf Jahren wieder vorbei.” Versprochen?

Versprochen.

 

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