Kirche und Bauern waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Diese Zeiten sind vorbei. Nun verursacht eine Studie der Kirche Ärger, die eine andere Landwirtschaft fordert. Ist das Verhältnis noch zu retten?
Von Uwe Ritzer
An diesem warmen Sonntag Anfang September sind sich katholische Kirche und Bauern wieder einmal besonders nah. Ein Heuballen als Altar, davor eine bunte Deko-Weltkugel und zwei Milchkannen mit Sonnenblumen – am „Moarhof“ in Königsdorf südlich von München feiern mehrere Dutzend Gläubige auf einer Weide Gottesdienst. Statt einer Orgel liefern Kuhglocken den Sound der „Bauernhofkirche“, die sich Studierende der Katholischen Stiftungshochschule Benediktbeuern ausgedacht haben. Weil die Kirche wieder näher zu den Menschen müsse, sagen sie. Und um mehr Bewusstsein für die Landwirtschaft zu schaffen.
Keine Branche ist so eng verwoben mit Kirche und Glauben wie die Landwirtschaft. Schöpfung und Nahrungsmittelerzeugung – beim Umgang mit Böden und Tieren, der Produktion von Fleisch und Milch oder dem Anbau von Feldfrüchten korrespondieren christlich-ethische Perspektiven und ökonomische Interessen. Jahrhundertelang bildeten Kirche, Bauern und Politik (in Bayern hieß das vor allem: die CSU) einen machtpolitischen Dreiklang; ihr Miteinander schien in deutschen Landen ein Naturgesetz zu sein. Doch die Dinge ändern sich rasant. Kirche und Landwirtschaft entfernen sich voneinander: Beider Einfluss schwindet, denn die Bauern werden immer weniger und den Kirchen laufen die Leute davon. Auch der Zusammenhalt bröckelt – und gerade gibt es wieder einmal richtig Ärger.
Er begann drei Tage nach der „Bauernhofkirche“ an der Hochschule für Philosophie in München, als deren Präsident Johannes Wallacher, Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik, am 11. September eine Studie vorstellte. Die Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hatte sie bei einer Sachverständigenkommission in Auftrag gegeben, deren Vorsitzender Wallacher ist. Was die 13 Experten auf 76 Seiten unter dem Titel „Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Biodiversität: Ethische Perspektiven für die globale Landnutzung“ empfehlen, läuft auf nicht weniger als eine andere Landwirtschaft hinaus. Eine, die nicht mehr auf Teufel komm raus produziert, sondern neben wirtschaftlichem Ertrag das Gemeinwohl gleichwertig im Blick hat, mindestens. Den Klimaschutz zum Beispiel, die Artenvielfalt, das Trinkwasser. Weil weltweit, aber auch in Deutschland Boden immer knapper wird, brauche man einen vorsichtigeren Umgang damit. Und deswegen auch eine andere Landwirtschaftspolitik, die Bauern für gemeinwohlorientierte Bewirtschaftung belohne, anstatt flächenbezogen zu subventionieren.
Landwirte drohten mit Kirchenaustritt und machten ihrem Ärger online Luft
Kaum war die Studie veröffentlicht, ging der Sturm los. „Kirche macht Landwirte zu Umweltsündern“, titelte das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt, Zentralorgan der Branche im Freistaat. Der Kommentator des Blattes interpretierte die Studie als katholische „Anbiederung an die städtische Klientel“, wo Landwirte ihre Kritiker hauptsächlich verorten. Ein Kreisobmann des Bauernverbands warf der Kirche gar vor, mit „marxistischen Ideen in linken Berliner Szenevierteln um Mitglieder zu werben“. Landwirte drohten reihenweise mit Kirchenaustritt, und die Kommentarspalten landwirtschaftlicher Blogs laufen mit wütenden Posts aus ganz Deutschland voll. Tenor: Ausgerechnet von der Partnerinstitution Kirche würden die Landwirte schlechtgemacht, pauschal verurteilt und vor den Kopf gestoßen.
Die Empörung macht auch vor Herzkammern des deutschen Katholizismus nicht halt, vor Altötting zum Beispiel, dem berühmtem Marien-Wallfahrtsort. In einem Vorort weigerten sich Landfrauen, die beim Erntedankfest übliche „Erntekrone“ für den Altar ihrer Kirche mit Blumen, Sträuchern und Feldfrüchten zu schmücken. „Wir mussten ein Zeichen setzen, dass wir den Umgang der Kirche mit uns so nicht mehr hinnehmen“, sagt Kreisbäuerin Gabriele Eberl. „Ich bin entsetzt, wie man uns vor den Kopf stößt. Wer engagiert sich denn in den Pfarreien? Wer schmückt die Altäre, arbeitet stundenlang unentgeltlich beim Pfarrfest, betreut Jugendgruppen und engagiert sich, wo immer nötig? Auf dem Land sind das doch vor allem die Bauernfamilien.“
Diese Wut und Enttäuschung sind Signale dafür, dass etwas ins Rutschen geraten ist zwischen katholischer Kirche und Bauernschaft. Allerdings nicht erst am 11. September, als die Studie vorgestellt wurde. Die Entfremdung begann spätestens 2015, als Papst Franziskus seine Enzyklika „Laudato si“ veröffentlichte. Sie ist ein Manifest für ein anderes Wirtschaften, für soziale Gerechtigkeit, die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und vor allem konsequenten Klimaschutz. Noch nie hatte ein Papst ökologische Themen derart unmissverständlich aufgegriffen und in eine Wegweisung für die weltweit 1,4 Milliarden Katholiken für den Umgang mit der Schöpfung verwandelt. Sonderlich viele Schnittmengen mit den Positionen des Deutschen Bauernverbands weist „Laudato si“ nicht auf.
Es liegt sicher auch, aber nicht nur an der Enzyklika, dass Vertreter der katholischen Kirche immer häufiger mit Landwirten aneinandergerieten: Priester und Bischöfe zum Beispiel, die in Bayern für das Volksbegehren „Artenschutz – Rettet die Bienen“ warben. Oder das bischöfliche Hilfswerk Misereor, weil es mit Greenpeace die Forderung erhob: „Kein Essen in Trog und Tank“. Der Zoff macht auch vor protestantischen Kirchenpforten nicht halt. Als 2023 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg bevorzugt fleischlose Biokost angeboten wurde, hagelte es Bauernproteste. Wenige Monate zuvor hatte ein Hamburger Pastor norddeutsche Bauern scharenweise gegen sich aufgebracht, weil er zum Erntedankfest geschrieben hatte: „Die industrielle Landwirtschaft kommt längst ohne Gott aus. Wem soll ich da danken, also ernsthaft? Dem Kunstdüngerkonzern? Passt doch nicht, oder?“
Anruf bei der Katholischen Landvolkbewegung (KLB), die ihrem Namen entsprechend tief im ländlichen Raum wurzelt und daher ein tauglicher Seismograf für das Verhältnis untereinander ist. „Es gibt keinen Zweifel“, sagt Bundesgeschäftsführerin Bettina Locklair, „die Konflikte werden sich weiter zuspitzen, weil die Konkurrenzen um Grund und Boden, um Wasser und andere Ressourcen sich zuspitzen. Allein deshalb kann es auch in der Landwirtschaft kein ‚Weiter-so‘ geben. Die Notwendigkeit im Umgang mit der Natur und vor allem unseren Böden, etwas grundlegend zu ändern, wird mit Blick auf den Klimawandel immer größer. Auch weil die Bauern selbst vom Klimawandel stark betroffen sein werden.“ Das sehen auch manche Landwirte ähnlich, zumindest jenseits des Deutschen Bauernverbands. „Die Klimaerwärmung, ein dramatisches Artensterben, die Verschmutzung des Grundwassers durch Einträge von Nitrat und chemischen Pflanzenschutzmitteln sind Probleme, die sich nicht in Luft auflösen, wenn man sie ignoriert“, so die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Und was die Kirche angeht, habe diese sogar die Pflicht, sich einzumischen, wenn es um die Schöpfung gehe.
Die Kirche hatte nicht mit derartig heftigen Reaktionen gerechnet
Bei der Deutschen Bischofskonferenz scheint man über die Heftigkeit der Bauernproteste dennoch irritiert. Die Studie sei keine offizielle Verlautbarung der Bischöfe, sondern Expertise einer Arbeitsgruppe, sagt der DBK-Sprecher. Sie stelle Landwirte auch nicht unter Generalverdacht, sondern erkenne ihre Leistungen explizit an. „Das Spannungsfeld, in dem Landwirte arbeiten, nimmt breiten Raum in der Studie ein. Es wird darin nicht weniger, sondern mehr Anerkennung für die fundamentalen Leistungen von Landwirten gefordert.“ Inklusive „einer finanziellen Honorierung umwelt- und landschaftspflegender Dienste, die Landwirte für das Gemeinwohl erbringen.“ Auf bayerischer Ebene trafen sich Anfang der Woche Vertreter beider Seiten und versprachen sich wechselseitig „eine Versachlichung der Debatte“, wie es hieß. Es gebe bei genauerer Betrachtung nämlich „viel mehr inhaltliche Übereinstimmungen als Differenzen“.
Auch außerhalb der Landwirtschaft verfolgen Katholiken den weiteren Fortgang mit Interesse. Schließlich sind die Kirchen in Deutschland selbst einer der größten Grundbesitzer; einer Berechnung des Thünen-Instituts gehören ihnen etwa 2,3 Prozent der Flächen – etwa viermal mehr als dem Bund. Und davon wird bei Weitem nicht jede Fläche nachhaltig boden- und klimaschonend verwendet. So gesehen ist die Studie auch ein Lackmustest für die Glaubwürdigkeit der Kirche selbst.
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