Anklage gegen den agro-industriellen Komplex

Thomas Hummel/SZ v.25.03.2024

https://www.sueddeutsche.de/politik/landwirtschaft-bauern-bauernproteste-bauernsterben-bartholomaeus-grill-rezension-1.6411463

Bartholomäus Grill, bayerischer Bauernbub und langjähriger Afrika-Korrespondent, wirft den Landwirtschaftskonzernen vor, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören.

Rezension von Thomas Hummel

Als der aktuelle Bauernaufstand begann, da hatte Bartholomäus Grill sein Buch schon geschrieben. Und trotzdem steht drin, was er darüber denkt: „Ich bin jedes Mal hin und her gerissen, wenn Europas Landwirte auf die Barrikaden gehen“, schreibt er, „einerseits verstehe ich ihre wirtschaftlichen Nöte, andererseits erzürnt mich ihre dumpfe Uneinsichtigkeit.“

 

Bartholomäus Grill, geboren 1954 im oberbayerischen Oberaudorf am Inn, vier Jahrzehnte lang Korrespondent für die Zeit und den Spiegel in Afrika, hat sein Wissen und seine Beobachtungen zusammengetragen über die deutsche und weltweite Landwirtschaft. Sein Buch trägt einen Titel, der keine Zwischentöne zulässt: „Bauernsterben: Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört“. Es ist eine 226 Seiten lange Abrechnung, eine Anklage gegen die moderne Landwirtschaft und ihre dahinter liegenden politischen und wirtschaftlichen Interessen. Aus Grills Worten sprechen Wut und eine Warnung an die Gesellschaft.

„Krieg gegen die Natur – und gegen uns selbst.“

Für ihn ist die moderne Landwirtschaft eine der „destruktivsten Kräfte, die die Menschheit je entfesselt hat“. Im Zentrum stehe die Plünderung der begrenzten biologischen Ressourcen und die flächendeckende Zerstörung der Umwelt durch den weltumspannenden agro-industriellen Komplex, der so mächtig geworden sei wie der militärisch-industrielle Komplex. Dieser Agrarkomplex führe einen „Krieg gegen die Natur – und gegen uns selbst“. Gelenkt werde er von internationalen Chemie-, Pharma- und Saatkornkonzernen. Landwirtschaftspolitiker und Bauernverbände lieferten die Propaganda dazu. Die konventionellen Landwirte seien nur das Heer der Fußsoldaten, die mit ihren Traktoren Autobahnen und Innenstädte blockieren oder unliebsame Politikerinnen bedrohen. Streichung der Steuererleichterung beim Agrardiesel? Schutz der Umwelt, der Tiere, des Wassers? Dann gibt’s Rabatz!

Es ist eine harsche Kritik, die Bartholomäus Grill verfasst hat. Er wiederholt dabei, was viele Agrarwissenschaftler, Wasserversorger, Biologen und natürlich Klima- und Naturschützer seit Jahren sagen. Dabei haben sich Fronten gebildet: zwischen Land und Stadt, zwischen Lebensmittelproduzenten und -konsumenten, zwischen denen auf den Feldern und denen in ihren Büros. Genau hier hat Bartholomäus Grill einen Vorteil. Er ist einerseits der „Presseheini aus der Großstadt“, mit dem viele Landwirte nicht einmal reden wollen, wie er selbst beschreibt. Andererseits ist er aufgewachsen auf den Bauernhöfen seiner Großeltern und Eltern.

Gier, Geiz und Profitmacherei

Somit kann er den Strukturwandel in der Landwirtschaft fein nachzeichnen. Seine Kindheit beschreibt Grill als „versunkene Welt“, in der das Gefühl der Zusammengehörigkeit auf dem Land stärker war. Gier, Geiz und Profitmacherei seien verpönt gewesen. Die Großeltern auf dem Bergbauernhof und deren Vorfahren hätten nachhaltig gewirtschaftet, Ressourcen geschont. Auch sein Vater beherzigte die Regeln noch. „Dann brach der Fortschritt auf die Bauern herein“, schreibt Grill.

Es wurde damals „grüne Revolution“ genannt, ein Ausdruck, der in konservativen und rechten Parteizirkeln heute unter Strafandrohung verboten ist. In den 1960er-Jahren hieß das: Chemie auf die Äcker, Pestizide, Kunstdünger. Dazu Aufzuchtbeschleuniger für die Tiere. Regeln der Natur? War von gestern. Jetzt lieber Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Bartholomäus Grill: Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Siedler-Verlag, München 2023. 240 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
Bartholomäus Grill: Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Siedler-Verlag, München 2023. 240 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro. (Foto: Siedler)

Grill beschreibt die Folgen: mehr Erträge mit weniger Mitarbeitern. Nötige Investitionen in Geräte, Ställe, Dünger. Verschuldung vieler Bauern. Sterben der Höfe. Und das über Jahrzehnte, egal, wer gerade regierte. Ende der 1950er-Jahre gab es in Westdeutschland fast 1,4 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, im Jahr 2023 in Gesamtdeutschland noch 255 000. Weil die Großbetriebe immer billiger produzierten, konnten die kleinen nicht mithalten. Und weil ein Großteil der EU-Subventionen (bis heute) pro Liter Milch oder pro Hektar Land ausbezahlt wurden und werden, profitieren immer weiter die großen.

Landwirte, entkoppelt von der Natur?

Ein Phänomen, das nicht nur auf Oberbayern, Deutschland oder Europa beschränkt ist. Sondern sich über die ganze Welt ausgebreitet hat. Grill berichtet aus Brasilien, den USA, von den Philippinen und vor allem aus Afrika. Lokale Eliten vertreiben indigene Völker, roden Wälder, um an Land zu kommen. Kleinbauern ackern am Rande der Existenz, der Klimawandel setzt ihnen zusätzlich zu, auch wenn einige von Grills Protagonisten davon noch nie was gehört haben. Agrarkonzerne bieten genverändertes Saatgut und gleich das dazu passende Pestizid an. Die Landwirtschaft degradiere Böden, verseuche Wasser, quäle Tiere, habe sich von Natur entkoppelt, schreibt Grill. Er wirft ihr „Beihilfe zum Ökozid“ vor.

Die entscheidende Frage stellt er im vorletzten Kapitel: „Was tun?“ Es gebe viele Ideen, viele Pläne, viele Lösungen. Grill plädiert für eine agrarökologische Wende, eine neue grüne Revolution. „Die Politik muss sich vom Primat der Wirtschaft befreien und wir alle werden radikal umdenken und unser Verhalten ändern müssen.“ Es ist ein drastischer Appell eines Weitgereisten. Und Grill selbst weiß: Da schwingt „eine Menge Hilflosigkeit“ mit.

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Ernährungspyramide vor dem Umbau

Andreas Gutschi/Der Standard v. 11.03.2024

Maximal 300 Gramm Fleisch pro Woche, ein Ei, dafür mehr Hülsenfrüchte – das wird ab sofort in Deutschland offiziell empfohlen. Auch in Österreich stehen die Ernährungsempfehlungen vor einer Veränderung.


Zum Frühstück ein Buttersemmerl mit weichem Ei, zu Mittag eine Portion Reisfleisch und abends Schwarzbrot mit Verhackert. Dazwischen vielleicht noch ein Apfelstrudel. Das klingt doch nach einem soliden österreichischen Speiseplan.

Aber was hierzulande traditionell auf dem Teller landet, ist nicht automatisch die beste Wahl für Mensch und Umwelt. Wir essen tendenziell zu viel Fleisch und Milchprodukte, dafür zu wenig Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte. Eine andere Ernährungsweise täte dabei nicht nur der Gesundheit gut, man würde sich auch ressourcenschonender ernähren – und das wäre wiederum gut für den Planeten.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat deswegen nun ihre Ernährungsempfehlungen angepasst. Die empfohlene Menge an Fleisch und Wurst wurde von wöchentlich bis zu 600 Gramm auf maximal 300 Gramm herabgesetzt. Das Frühstücksei sollte man nur mehr einmal pro Woche genießen – statt wie bisher dreimal. Dafür empfiehlt die DGE mehr Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen.

Auch in Österreich wird die klassische Ernährungspyramide immer kritischer beäugt. Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) empfiehlt derzeit noch 300 bis 450 Gramm Fleisch pro Woche und drei Eier wöchentlich.

Drei Viertel pflanzlich

Das finden viele aber nicht mehr zeitgemäß. Die Umweltschutzorganisation WWF etwa hat vergangenes Jahr im Rahmen einer Studie die „Ernährungspyramide 2.0“ vorgestellt. Julia Kreimel, Umweltökonomin an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), war an der Studie beteiligt. „Die Ernährungspyramide 2.0 orientiert sich an den bestehenden Ernährungsempfehlungen, berücksichtigt aber auch den ökologischen Fußabdruck von Lebensmitteln und die Ernährungsgewohnheiten in Österreich“, erklärt sie.

Für diese umweltverträglichen Empfehlungen hat man sich am Konzept der Planetaren Grenzen orientiert. Dieses beschreibt eine Lebensweise, die die ökologischen Grenzen des Planeten berücksichtigt – immerhin sind Ressourcen wie Boden, Süßwasser und saubere Luft nicht unendlich. Daraus ist die Planetary Health Diet entstanden.

Kreimel und ihr Team haben deren Vorgaben an österreichische Voraussetzungen angepasst: Etwa drei Viertel der Ernährung sollten aus pflanzlichen Quellen stammen. Die Ernährungspyramide 2.0 empfiehlt außerdem nur maximal eine Portion Milchprodukte täglich.

Diese Mengen klingen zunächst nach rigorosem Verzichtprogramm. Doch das liegt eher im Auge des Betrachters, tatsächlich sind sie sehr gesund. „Es gibt keine gesundheitlichen Gründe, warum man mehr tierische Produkte essen sollte“, sagt Michaela Knieli. Sie ist Ernährungswissenschafterin bei der Organisation Die Umweltberatung und weiß: „Umweltschutz und Gesundheit gehen Hand in Hand. Mehr von der Pflanze und weniger vom Tier lässt uns länger und gesund leben.“ Offiziell wird eine stärker pflanzenbasierte Ernährung in Österreich noch nicht empfohlen. Die Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) arbeitet aber bereits an neuen Ernährungsempfehlungen. Sie sollen noch dieses Jahr veröffentlicht werden. Inwieweit Umweltfaktoren darin berücksichtigt werden, bleibt abzuwarten.

Das neue „traditionell“

Konsumentinnen und Konsumenten machen sich indes immer mehr Gedanken über umweltbewusste Ernährung. In einer repräsentativen WWF-Umfrage aus dem Jahr 2021 waren sich 57 Prozent der Befragten bewusst, dass unsere Ernährung negative Auswirkungen auf die Umwelt hat. 45 Prozent gaben aber an, dass sie nicht wüssten, welche Lebensmittel den Planeten schonen würden.

Die Planetary Health Diet ist da ein guter Anhaltspunkt. „Sie holt die Menschen dort ab, wo sie sind. Nicht jeder möchte sich völlig vegan ernähren“, sagt Ernährungswissenschafterin Knieli. Für sie sei ohnehin der Weg das Ziel. „Ich experimentiere mit neuen Rezepten und frage mich bei jeder Mahlzeit, was ich durch ein pflanzliches Produkt ersetzen könnte.“ Linsen mit Knödeln versorgen uns zum Beispiel mit guten Nährstoffen – und schmecken auch ohne Speck. Die traditionelle Küche ist also nicht ganz verloren.

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Heumilchwirtschaft ist Weltkulturerbe – tirol.ORF.at

https://tirol.orf.at/stories/3248204/ 09.03.2024

Heumilchwirtschaft ist Weltkulturerbe

Die Vereinten Nationen haben die heimische Heuwirtschaft als erstes „landwirtschaftliches Kulturerbe“ von globaler Bedeutung im deutschsprachigen Raum anerkannt. Samstagnachmittag gab es dazu einen Festakt in Salzburg. Die Arbeitsweise hat in Tirol einen großen Stellenwert.

Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, würdigt landwirtschaftliche Systeme, die seit Generationen von Bäuerinnen und Bauern entwickelt wurden, um Lebensmittel bereitzustellen, alte Traditionen zu bewahren und natürliche Ressourcen zu schützen.

 

Für das Weltkulturerbe sind bestimmte Kriterien zu erfüllen: Es muss ein einzigartiges landwirtschaftliches Produktionssystem sein, das räumlich abgegrenzt und dessen Erhalt für die Zukunft essenziell ist. Als Voraussetzung gilt unter anderem der geschichtliche Hintergrund eines Gesamtsystems, das sich ständig weiterentwickelt. „Ein landwirtschaftliches Weltkulturerbe muss eine weltweite Bedeutung als Modell für eine nachhaltige Landwirtschaft haben, die ein wertvolles Erbe darstellt. Die traditionelle Heuwirtschaft im österreichischen Alpenbogen erfüllt diese Kriterien in herausragender Weise. Sie gilt als das erste landwirtschaftliche Weltkulturerbe im deutschsprachigen Raum“, sagt Yoshihide Endo von der FAO beim Festakt in Salzburg mit rund 800 Gästen.

Verleihung Weltkulturerbe Heumilch Salzburg
ARGE Heumilch
Yoshihide Endo (FAO), Karl Neuhofer (Obmann ARGE Heumilch), Christiane Mösl (Geschäftsführerin ARGE Heumilch) und Bundesminister Norbert Totschnig (ÖVP) (v.l.n.r.)

Tirol als Vorreiter in Sachen Heumilch

Die Heumilch ist als Weltkulturerbe gleichauf mit dem Parmaschinken oder dem Champagner. Mitorganisiert wird das Erfolgskonzept von Innsbruck aus. Die ARGE Heumilch hat hier ihren Sitz. Die Heumilchwirtschaft ist die ursprünglichste Form der Milcherzeugung. Heumilchkühe bekommen frische Gräser und Kräuter im Sommer und Heu im Winter. Auf vergorene Futtermittel wie Silage wird gänzlich verzichtet. Als Basis gilt Dauergrünland, also Wiesen, Weiden und Almen, die auf natürliche Weise mindestens fünf Jahre ohne einen Umbruch zu einem Acker für die Futtergewinnung genutzt werden.

Die ARGE Heumilch…

…vereinigt ca. 7.000 Heumilchbäuerinnen und Bauern, sowie mehr als 70 Molkereien, Käsereien, Sennereien und Vermarkter in Österreich und dem Allgäu. Die Mitglieder der ARGE arbeiten nach strengen Normen, deren Einhaltung von unabhängigen, staatlich zertifizierten Stellen kontrolliert wird. Aktuell werden pro Jahr ca. 590 Millionen Kilogramm Heumilch gesammelt.

Dazu kommen einige weitere Qualitätsvorgaben. Tirol ist bei der Heuwirtschaft stark vertreten, sagt die Geschäftsführerin der ARGE Heumilch, Christiane Mösl. Was die Menge betreffe, ist „Tirol das stärkste Heumilch-Bundesland. Unsere Verarbeiter sammeln rund 158 Millionen Kilogramm, fast 50 Prozent der gesamten Milchmenge falle in Tirol auf Heumilch.“

Heumilch vor allem für die Käserei

Heumilch hat seit dem Jahr 2016 einen in ganz Europa geltenden Produktschutz. Dazu kommt das österreichische Heumilch-Regulativ. Dass die Wirtschaftsweise bis heute praktiziert wird, sei nicht nur den kleinen Strukturen mit familiengeführten Höfen in den Bergregionen, sondern vor allem der großen Käsetradition zu verdanken. Christiane Mösl: „Wir kommen ganz klassisch aus dem Käsebereich, weil Heumilch die Spezialmilch für die Käserei ist. Sie hat eine sehr hohe Güte, um daraus Rohmilch-Hartkäsespezialitäten wie einen Tiroler Bergkäse zu produzieren.“

Von der am Samstag gefeierten Würdigung erwartet man sich viel: „Wir bekommen dadurch natürlich auch internationale Sichtbarkeit und werden die Heumilch mit dieser Auszeichnung wieder über die Grenzen hinaus bekannter machen können“, sagt die Geschäftsführerin der ARGE Heumilch, Christiane Mösl.

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Dunkle Wolken über dem Deal: Ziele anzukündigen ist zu wenig

Leitartikel von Michael Lohmeyer/Die Presse v. 12.02.2024

Die Natur folgt eigenen Regeln und schließt keine Kompromisse. Deshalb funktioniert echter Klimaschutz nur mit echter Nachhaltigkeit.

An diese Woche wird man sich noch längere Zeit erinnern. Es sind jene Tage, in den die Europäische Union einen Traum ausgeträumt hat. Der Green Deal wurde unsanft auf den Boden geholt. Obwohl: Anfangs hat es gar nicht danach ausgesehen, da wurde eine Kernbotschaft der europäischen Klimapolitik noch präzisiert. Auf dem Weg zu Netto-null-Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 solle zehn Jahre vorher ein Minus von 90 Prozent erreicht werden. Das klang ganz danach, als nehme Europa die historische Verantwortung ernst und zeigt vor, wie eine moderne Gesellschaft Klimaneutralität und Wohlstand vereint.

Aber selbst diese Ankündigung hat nicht verbergen können, dass die Sache einen Haken hat: Denn das Etappenziel 2040 soll zu einem knappen Zehntel realisiert wird, indem Kohlendioxid in leergepumpten Lagerstätten von Erdgas- und Erdölvorkommen gepresst wird. Das freilich ist derzeit nicht mehr als Zukunftsmusik: Denn bei der Tiefenspeicherung (CCS) von Kohlendioxid sind viele Fragen offen (nicht nur die der Finanzierung): Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen? Wie viel CObleibt auf der Strecke, entweicht also vorzeitig auf dem Weg in die Tiefe in die Atmosphäre? Wie lang dauert es, ehe ein wirkliches Netto-Null erreicht wird, bis also auch die Emissionen beim Bau einer CCS-Anlage kompensiert sind?

Es war kurz vor Weihnachten 2019, als Kommissionspräsidentin von der Leyen den Green Deal vorstellte. Wirtschaft und Umweltverträglichkeit sollten dabei auf einen Nenner gebracht werden. Angestrebt wurde echte Nachhaltigkeit – im Sinne dessen, was viele mit „enkeltauglich“ umschreiben. Ganz einfach: Späteren Generationen sollen keine Altlasten hinterlassen werden, ein Zahnrad soll ins andere greifen: Schutz des Klimas, der Biodiversität, Kreislaufwirtschaft oder Kampf gegen die Mikroplastikflut. Kurz schien es, als sei dies parteiübergreifender Konsens.

Verordnungen und Richtlinien wurden entworfen, aber schon die ersten Debatten über die Details – von der konkreten Abgrenzung der Betroffenen bis zu den Feinheiten juristischer Formulierungen – förderten zutage, dass über dem „Green“ die dunklen Wolken des „Deals“ schweben.

Seither sind wir Zeugen, wie der Green Deal nicht nur Federn lassen musste, sondern vielmehr schonungslos gerupft worden ist: Angriffe auf Brache für kleine Ackerrandzonen (um der Biodiversität willen), Attacken auf das Natur-Wiederherstellungs-Gesetz, die Regeln für Gentechnik bei Saatgut, die EU-Verordnung gegen Entwaldung, gegen das Lieferkettengesetz, die Richtlinie über Sorgfaltspflichten von Unternehmen oder das Aus für die Halbierung des Pestizideinsatzes – der hehre Anspruch von einst wurde ruppig auf den Boden der Realität geholt.

Getrieben vor allem von Konservativen und noch weiter rechts beheimateten Parlamentariern ging die Kommission vor Industrie und Agrarlobby in die Knie; wie tief, zeigt der Text, mit dem die EU den Fortgang des Green Deal für den mit 386 Milliarden Euro größten Brocken des EU-Budgets, die Agrarpolitik, skizziert: „Wirksame agrarpolitische Maßnahmen auf der Grundlage eines strategischen Dialogs.“ Das liest sich auch so: „Erst einmal abwarten, nichts überstürzen.“

Von „Enkeltauglichkeit“ ist genauso wenig die Rede wie von Nachhaltigkeit, beides an die Wand gedrückt vom Vorwurf angeblich überbordender Bürokratie und schwindender Standortqualität. Der Green Deal steht vor allem an der Kippe, weil die Landwirtschaft nicht bereit ist, ernsthaft mitzumachen.

Der Blick über die politische Arena hinaus zeigt aber: Nur echte Nachhaltigkeit sichert beständige Standortqualität. Denn die Natur folgt ihren eigenen Regeln, deren Nichteinhaltung einen Preis hat und durch Dürre oder Überschwemmungen in Rechnung gestellt wird.

Es ist an der Zeit, das wahre Match zu benennen: industrialisierte Landwirtschaft gegen eine nachhaltige. Solang echte Nachhaltigkeit nicht über ein Nischendasein hinauskommt, so lang bleibt echter Klimaschutz auf der Strecke. Es ist viel zu wenig, Ziele lediglich anzukündigen.

E-Mails an: michael.lohmeyer@diepresse.com

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Falter.natur Der Nachhaltigkeitsnewsletter

Geht es um Tiere, bin ich für diesen Newsletter eigentlich unqualifiziert, denn ich bin kein Tierfreund im klassischen Sinn. Ich fürchte mich vor Hunden und erschrecke mich vor Mäusen. Katzen, finde ich, riechen nicht so gut. Wenn ich im Meer schwimme, denke ich nie: „Wow, toll, Fische!“ Sondern immer: „Oh, fuck, Fische!“

Ich hatte in der Kindheit keine Haustiere, dafür eine Bienenallergie. Die einzigen Viecher, die meine Eltern anschafften, waren vier Enten – sie sollten die Schnecken im Garten fressen. Wenn ich bloßfüßig Fußball spielte, bin ich ständig in ihrer weichen Kacke ausgerutscht. Ich habe die vier „Gogaz“, „Net“, „Sou“ und „Fll“ getauft, was oststeirisch ist und zusammengenommen frei übersetzt „Seid ein bisschen leiser“ bedeutet.

Meine Sensibilisierung für ökologische Themen kommt nicht davon, dass ich Tiere liebe, sondern daher, dass ich die Menschen sehr mag. Unsere Spezies finde ich die interessanteste von allen, sie kann zugleich zum Mond fliegen und die Erde in die Luft jagen. Der ökologische Kollaps, den der geniale Homo sapiens durch beharrliche Arbeit herbeiführt, bedroht ihn mittlerweile selbst existenziell.

Laut dem brandneuen Global Risks Report sind die vier größten Gefahren für die Welt: Extreme Wetterereignisse. Kritische Veränderung der Erdsysteme. Verlust der biologischen Vielfalt und Zusammenbruch von Ökosystemen. Knappheit von natürlichen Ressourcen. Mit „Verschmutzung“ schafft es noch eine fünfte ökologische Krise in die Top 10.

Diese Gefahren hängen miteinander zusammen. Und sie alle gründen auf dem Erfolg der Menschheit. Ebenso wie die Zahl der Menschen explodiert ist – im Jahr 1500 gab es laut Schätzungen rund 461 Millionen von uns, mittlerweile stehen wir bei mehr als 8 Milliarden – ist unser Ressourcenverbrauch gestiegen. „Im Jahr 1500 verbrauchte die Menschheit pro Tag 13 Billionen Kalorien Energie. Heute verbrauchen wir pro Tag 1500 Billionen Kalorien“, schrieb der Universalhistoriker Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit„, den er im Jahr 2011 veröffentlicht hat. Die Evolution des Homo sapiens ist phänomenal. Wie er sich den Planeten aneignete und letztlich dominierte, bleibt in der Erdgeschichte ohnegleichen. Wir sind vom gejagten Affen zum König der Tiere aufgestiegen. Wir sind Despoten.

Vergangenen Oktober erschien eine Studie, die zugleich wenig überraschend und doch sehr aussagekräftig ist. Forscher:innen hatten ausgetestet, wovor sich die wilden Tiere im südafrikanischen Krüger-Nationalpark am meisten fürchten. Sie spielten ihnen über Lautsprecher Hundegebell, Gewehrschüsse, Stimmen von Menschen und Geräusche von Löwen vor – die Raubkatze gilt in der Savanne schließlich als die gefürchtetste Spezies. Das Ergebnis: Wenn Leoparden, Nashörner, Hyänen, Giraffen, Zebras und Co Menschenstimmen hörten, nahmen sie deutlich häufiger Reißaus als bei Löwengeräuschen oder Schüssen.

Welche Arten leben dürfen, welche sterben sollen, entscheiden wir. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 hat die Menschheit seit Beginn der Zivilisation 83 Prozent aller wildlebenden Säugetiere vernichtet. Wir haben dadurch einiges aus dem Gleichgewicht gebracht. Alle Menschen zusammen wiegen fast 20 Mal so viel wie alle wildlebenden Landsäugetiere zusammen. Und zehn Mal so viel wie alle Meeressäuger. Das zeigt diese Studie aus dem Vorjahr, derzufolge nur eine Gruppe von Säugetieren mehr auf die Waage bringt als wir selbst: jene der Haus- und Nutztiere. Sie wiegen nahezu 30 Mal so viel wie die wildlebenden Säugetiere an Land. Allein die Haushunde sind so schwer wie alle wilden Säugetierarten zusammen.

Der Kampf gegen die Wildnis geht indes weiter. Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) setzt sich gerade dafür ein, dass man den streng geschützten Wolf leichter abschießen kann. Auch die EU-Kommission schlug im Dezember vor, den Schutzstatus des Beutegreifers aufzuweichen. In Kärnten befeuert in diesen Tagen die Landwirtschaftskammer die Wolfsdebatte.

Ich verstehe wirklich alle, die sich vor dem Tier fürchten, ich schrecke ja selbst schon vor einem aggressiven Chihuahua zurück. Aber wenn ich mir dieses Ungleichgewicht auf der gigantischen Säugetier-Weltwaage vorstelle und an die Aussagen des neuen Global Risks Report denke, fällt mir unweigerlich dieser lateinische Ausspruch ein, den ich einmal gelernt habe, um klüger zu wirken, als ich bin: Homo homini lupus.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

Bild von Benedikt Narodoslawsky

Ihr Benedikt Narodoslawsky

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