Pestizide schädigen großflächig Europas Böden und Nützlinge

Kategorie: Landwirtschaft
 
Glyphosat-Rückstände und Windverfrachtung: Eine Studie sieht Europas Pestizideinsatz auf riskantem Kurs. Für die EU-Agrarpläne kommen die Erkenntnisse zu einem heiklen Zeitpunkt.

Mehr als zwei Drittel der Böden in Europa sind einer Studie zufolge mit Pflanzenschutzmitteln verunreinigt. Das schädige auch nützliche Bodenorganismen, berichtet ein internationales Forschungsteam in der Fachzeitschrift »Nature«. Die Mittel seien nicht nur für Vögel, Bienen und andere Insekten eine Belastung, sondern auch für Böden, mahnt das Team. 

Die Wissenschaftler um den Bodenökologen Marcel van der Heijden von der Universität Zürich, darunter Mitarbeiter der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission im italienischen Ispra, untersuchten insgesamt 373 Bodenproben in 26 europäischen Ländern auf Rückstände von Dutzenden Pflanzenschutzmitteln. Zudem analysierten sie Auswirkungen auf Bakterien, Pilze und wirbellose Bodenbewohner, die organisches Material zersetzen und damit Nährstoffkreisläufe antreiben.

Rückstände etwa von Mitteln gegen Pilze, von Glyphosat gegen Unkraut und von Insektiziden wurden nicht nur auf landwirtschaftlichen Flächen gefunden, sondern auch in Wäldern und Wiesen. Der Wind habe vermutlich Sprühnebel von Feldern verteilt, erläutert das Team. Zu den häufigsten Funden zählte ein Abbauprodukt des umstrittenen Herbizids Glyphosat.

Pflanzenschutzmittel der Landwirtschaft schaden Nützlingen

»Das Problem verschiedener Pflanzenschutzmittel besteht darin, dass sie nicht nur Schädlinge bekämpfen, die unsere Nutzpflanzen beeinträchtigen, sondern auch nützliche Bodenorganismen«, heißt es in einer Mitteilung der Universität Zürich zur Studie. Pflanzenschutzmittel beeinflussen der Untersuchung zufolge unter anderem wichtige Pilze, die sich mit den Wurzeln von Nutzpflanzen verbinden und ihnen helfen, Wasser und Nährstoffe aufzunehmen. Zudem profitierten einige Bakterien wahrscheinlich davon, dass andere Organismen reduziert werden. 

»Die Illusion, dass ein Mittel nur gegen einen Zielorganismus wirkt, ist damit klar widerlegt. Vielmehr scheinen wir derzeit Landwirtschaft ›im Blindflug‹ zu betreiben – nach dem Motto ›erst sprühen, dann verstehen‹«, kommentiert Christoph Scherber, Professor für Biodiversitätsmonitoring an der Universität Bonn, der nicht an der Studie beteiligt war.

Kritik an EU-Plänen zu Pflanzenschutzmitteln

Die Untersuchung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Europäische Kommission plant, dass Pflanzenschutzmittel künftig ohne regelmäßige Neuzulassungen auf den Feldern verteilt werden können. Das sei der falsche Schritt zum falschen Zeitpunkt, sagt Scherber. »Stattdessen sollte die Agrarpolitik endlich anerkennen, dass Vielfalt statt Einfalt der Weg in eine nachhaltige Zukunft ist.«

«Hier wird aufgezeigt, dass die aktuelle Bewirtschaftung für kommende Generationen nicht nachhaltig ist», meinte Carsten Brühl, Leiter der Abteilung Gemeinschaftsökologie und Ökotoxikologie an der Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, der ebenfalls nicht an der Studie beteiligt war. »Eine unbegrenzte Zulassung von Pestiziden ohne regelmäßige Überprüfung gefährdet die Sicherheit von Umwelt und Mensch.«

 

Quellen:Köninger, J. et al., Nature 0.1038/s41586–025–09991-z, 2026

 

 

 

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Renaturierung, weil es der richtige Weg ist

Beitrag von Monika Nimmerrichter im Der Standard vom 13.07.2024

Kommentar Der Anderen

Seite 39

Viele Argumente gegen das Gesetz sind reine Parteipropaganda. Auch „die“ Landwirte gibt es nicht.


Als Nebenerwerbslandwirtin verfolge ich die Diskussion über dieses Gesetz sehr genau – und beobachte, in wie vielen landwirtschaftlichen Publikationen gegen dieses Gesetz Stimmung gemacht wurde. Nicht aus Sorge um uns Landwirtinnen, sondern aus parteitaktischen Überlegungen. Da wurde die Bedrohung der Ernährungssicherheit in den Raum gestellt, mit Preissteigerungen für landwirtschaftliche Produkte argumentiert und den Landwirt:innen eine weitere Zunahme der bürokratischen Tätigkeiten und sogar Enteignungen prognostiziert. Leider ist nach wie vor der Großteil der Landwirt:innen nicht in der Lage oder nicht willens, diese Argumente als das zu entlarven, was sie sind: reine Parteipropaganda. Immer noch glauben viele das, was man ihnen seitens ihrer Interessenvertretungen „vorbetet“. Diese Interessenvertretungen vertreten aber schon lange nicht mehr die Interessen der kleinstrukturierten österreichischen landwirtschaftlichen Betriebe, sondern die Interessen der Agrarindustrie.

In ihren Sonntagsreden sind die Vertreter:innen des Bauernbunds und des Wirtschaftsbunds alle uneingeschränkt für Naturschutz, unter der Woche werden täglich mehr als zehn Hektar der besten landwirtschaftlichen Böden in Bauland, Industriegebiet oder Verkehrsflächen umgewidmet und zubetoniert. Und dann argumentieren genau diese Entscheidungsträger:innen beim Renaturierungsgesetz damit, dass durch dieses Gesetz die Ernährungssicherheit gefährdet wird!


Als Nebenerwerbslandwirtin verfolge ich die Diskussion über dieses Gesetz sehr genau – und beobachte, in wie vielen landwirtschaftlichen Publikationen gegen dieses Gesetz Stimmung gemacht wurde. Nicht aus Sorge um uns Landwirtinnen, sondern aus parteitaktischen Überlegungen. Da wurde die Bedrohung der Ernährungssicherheit in den Raum gestellt, mit Preissteigerungen für landwirtschaftliche Produkte argumentiert und den Landwirt:innen eine weitere Zunahme der bürokratischen Tätigkeiten und sogar Enteignungen prognostiziert. Leider ist nach wie vor der Großteil der Landwirt:innen nicht in der Lage oder nicht willens, diese Argumente als das zu entlarven, was sie sind: reine Parteipropaganda. Immer noch glauben viele das, was man ihnen seitens ihrer Interessenvertretungen „vorbetet“. Diese Interessenvertretungen vertreten aber schon lange nicht mehr die Interessen der kleinstrukturierten österreichischen landwirtschaftlichen Betriebe, sondern die Interessen der Agrarindustrie.

In ihren Sonntagsreden sind die Vertreter:innen des Bauernbunds und des Wirtschaftsbunds alle uneingeschränkt für Naturschutz, unter der Woche werden täglich mehr als zehn Hektar der besten landwirtschaftlichen Böden in Bauland, Industriegebiet oder Verkehrsflächen umgewidmet und zubetoniert. Und dann argumentieren genau diese Entscheidungsträger:innen beim Renaturierungsgesetz damit, dass durch dieses Gesetz die Ernährungssicherheit gefährdet wird!

Viele Biobetriebe sehen in diesem Renaturierungsgesetz eine Bestätigung dafür, dass sie auf dem richtigen Weg sind, um auch in Zukunft noch einen natürlichen Lebensraum zur Verfügung zu haben, wo sie Lebensmittel erzeugen können, die den Begriff tatsächlich verdienen. Und daher ist es eindeutig falsch, wenn der Landwirtschaftsminister behauptet, „die“ Landwirte seien gegen das Renaturierungsgesetz. Immerhin werden in Österreich 25 Prozent der Flächen naturnah nach biologischen Standards bewirtschaftet. Und diese Biolandwirt:innen wissen genau, warum sie das tun. Sie wissen, dass es unsinnig ist, immer mehr Ertrag aus den landwirtschaftlichen Flächen herauswirtschaften zu müssen. Sie wissen, wie wichtig es ist, die Bodenversiegelung wirklich zu stoppen und den Bächen und Flüssen wieder mehr Raum zu geben.

Als Biobäuerin zähle und dokumentiere ich seit vielen Jahren das Vorkommen bestimmter Pflanzen und Tiere auf unseren landwirtschaftlichen Flächen – und weiß daher, welche Auswirkungen welche Maßnahme auf die Biodiversität hat.

Beim Renaturierungsgesetz geht es um viel mehr als um unsere eigenen Befindlichkeiten. Es ist dringend notwendig, um die Auswirkungen des Klimawandels zumindest ein wenig einzudämmen. Umweltministerin Leonore Gewessler hat die wohl wichtigste Entscheidung ihrer Amtszeit getroffen. Nicht nur für Österreich, sondern für die gesamte EU.

Monika Nimmerrichter ist pensionierte Nebenerwerbsbäuerin in Niederösterreich. Im Text wurde eine von der Autorin bevorzugte gegenderte Schreibweise

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Anklage gegen den agro-industriellen Komplex

Thomas Hummel/SZ v.25.03.2024

https://www.sueddeutsche.de/politik/landwirtschaft-bauern-bauernproteste-bauernsterben-bartholomaeus-grill-rezension-1.6411463

Bartholomäus Grill, bayerischer Bauernbub und langjähriger Afrika-Korrespondent, wirft den Landwirtschaftskonzernen vor, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören.

Rezension von Thomas Hummel

Als der aktuelle Bauernaufstand begann, da hatte Bartholomäus Grill sein Buch schon geschrieben. Und trotzdem steht drin, was er darüber denkt: „Ich bin jedes Mal hin und her gerissen, wenn Europas Landwirte auf die Barrikaden gehen“, schreibt er, „einerseits verstehe ich ihre wirtschaftlichen Nöte, andererseits erzürnt mich ihre dumpfe Uneinsichtigkeit.“

 

Bartholomäus Grill, geboren 1954 im oberbayerischen Oberaudorf am Inn, vier Jahrzehnte lang Korrespondent für die Zeit und den Spiegel in Afrika, hat sein Wissen und seine Beobachtungen zusammengetragen über die deutsche und weltweite Landwirtschaft. Sein Buch trägt einen Titel, der keine Zwischentöne zulässt: „Bauernsterben: Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört“. Es ist eine 226 Seiten lange Abrechnung, eine Anklage gegen die moderne Landwirtschaft und ihre dahinter liegenden politischen und wirtschaftlichen Interessen. Aus Grills Worten sprechen Wut und eine Warnung an die Gesellschaft.

„Krieg gegen die Natur – und gegen uns selbst.“

Für ihn ist die moderne Landwirtschaft eine der „destruktivsten Kräfte, die die Menschheit je entfesselt hat“. Im Zentrum stehe die Plünderung der begrenzten biologischen Ressourcen und die flächendeckende Zerstörung der Umwelt durch den weltumspannenden agro-industriellen Komplex, der so mächtig geworden sei wie der militärisch-industrielle Komplex. Dieser Agrarkomplex führe einen „Krieg gegen die Natur – und gegen uns selbst“. Gelenkt werde er von internationalen Chemie-, Pharma- und Saatkornkonzernen. Landwirtschaftspolitiker und Bauernverbände lieferten die Propaganda dazu. Die konventionellen Landwirte seien nur das Heer der Fußsoldaten, die mit ihren Traktoren Autobahnen und Innenstädte blockieren oder unliebsame Politikerinnen bedrohen. Streichung der Steuererleichterung beim Agrardiesel? Schutz der Umwelt, der Tiere, des Wassers? Dann gibt’s Rabatz!

Es ist eine harsche Kritik, die Bartholomäus Grill verfasst hat. Er wiederholt dabei, was viele Agrarwissenschaftler, Wasserversorger, Biologen und natürlich Klima- und Naturschützer seit Jahren sagen. Dabei haben sich Fronten gebildet: zwischen Land und Stadt, zwischen Lebensmittelproduzenten und -konsumenten, zwischen denen auf den Feldern und denen in ihren Büros. Genau hier hat Bartholomäus Grill einen Vorteil. Er ist einerseits der „Presseheini aus der Großstadt“, mit dem viele Landwirte nicht einmal reden wollen, wie er selbst beschreibt. Andererseits ist er aufgewachsen auf den Bauernhöfen seiner Großeltern und Eltern.

Gier, Geiz und Profitmacherei

Somit kann er den Strukturwandel in der Landwirtschaft fein nachzeichnen. Seine Kindheit beschreibt Grill als „versunkene Welt“, in der das Gefühl der Zusammengehörigkeit auf dem Land stärker war. Gier, Geiz und Profitmacherei seien verpönt gewesen. Die Großeltern auf dem Bergbauernhof und deren Vorfahren hätten nachhaltig gewirtschaftet, Ressourcen geschont. Auch sein Vater beherzigte die Regeln noch. „Dann brach der Fortschritt auf die Bauern herein“, schreibt Grill.

Es wurde damals „grüne Revolution“ genannt, ein Ausdruck, der in konservativen und rechten Parteizirkeln heute unter Strafandrohung verboten ist. In den 1960er-Jahren hieß das: Chemie auf die Äcker, Pestizide, Kunstdünger. Dazu Aufzuchtbeschleuniger für die Tiere. Regeln der Natur? War von gestern. Jetzt lieber Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Bartholomäus Grill: Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Siedler-Verlag, München 2023. 240 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
Bartholomäus Grill: Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Siedler-Verlag, München 2023. 240 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro. (Foto: Siedler)

Grill beschreibt die Folgen: mehr Erträge mit weniger Mitarbeitern. Nötige Investitionen in Geräte, Ställe, Dünger. Verschuldung vieler Bauern. Sterben der Höfe. Und das über Jahrzehnte, egal, wer gerade regierte. Ende der 1950er-Jahre gab es in Westdeutschland fast 1,4 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, im Jahr 2023 in Gesamtdeutschland noch 255 000. Weil die Großbetriebe immer billiger produzierten, konnten die kleinen nicht mithalten. Und weil ein Großteil der EU-Subventionen (bis heute) pro Liter Milch oder pro Hektar Land ausbezahlt wurden und werden, profitieren immer weiter die großen.

Landwirte, entkoppelt von der Natur?

Ein Phänomen, das nicht nur auf Oberbayern, Deutschland oder Europa beschränkt ist. Sondern sich über die ganze Welt ausgebreitet hat. Grill berichtet aus Brasilien, den USA, von den Philippinen und vor allem aus Afrika. Lokale Eliten vertreiben indigene Völker, roden Wälder, um an Land zu kommen. Kleinbauern ackern am Rande der Existenz, der Klimawandel setzt ihnen zusätzlich zu, auch wenn einige von Grills Protagonisten davon noch nie was gehört haben. Agrarkonzerne bieten genverändertes Saatgut und gleich das dazu passende Pestizid an. Die Landwirtschaft degradiere Böden, verseuche Wasser, quäle Tiere, habe sich von Natur entkoppelt, schreibt Grill. Er wirft ihr „Beihilfe zum Ökozid“ vor.

Die entscheidende Frage stellt er im vorletzten Kapitel: „Was tun?“ Es gebe viele Ideen, viele Pläne, viele Lösungen. Grill plädiert für eine agrarökologische Wende, eine neue grüne Revolution. „Die Politik muss sich vom Primat der Wirtschaft befreien und wir alle werden radikal umdenken und unser Verhalten ändern müssen.“ Es ist ein drastischer Appell eines Weitgereisten. Und Grill selbst weiß: Da schwingt „eine Menge Hilflosigkeit“ mit.

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