Warum es immer mehr Zoff zwischen Bauern und Kirche gibt

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Kirche und Bauern waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Diese Zeiten sind vorbei. Nun verursacht eine Studie der Kirche Ärger, die eine andere Landwirtschaft fordert. Ist das Verhältnis noch zu retten?

Von Uwe Ritzer

An diesem warmen Sonntag Anfang September sind sich katholische Kirche und Bauern wieder einmal besonders nah. Ein Heuballen als Altar, davor eine bunte Deko-Weltkugel und zwei Milchkannen mit Sonnenblumen – am „Moarhof“ in Königsdorf südlich von München feiern mehrere Dutzend Gläubige auf einer Weide Gottesdienst. Statt einer Orgel liefern Kuhglocken den Sound der „Bauernhofkirche“, die sich Studierende der Katholischen Stiftungshochschule Benediktbeuern ausgedacht haben. Weil die Kirche wieder näher zu den Menschen müsse, sagen sie. Und um mehr Bewusstsein für die Landwirtschaft zu schaffen.

Keine Branche ist so eng verwoben mit Kirche und Glauben wie die Landwirtschaft. Schöpfung und Nahrungsmittelerzeugung – beim Umgang mit Böden und Tieren, der Produktion von Fleisch und Milch oder dem Anbau von Feldfrüchten korrespondieren christlich-ethische Perspektiven und ökonomische Interessen. Jahrhundertelang bildeten Kirche, Bauern und Politik (in Bayern hieß das vor allem: die CSU) einen machtpolitischen Dreiklang; ihr Miteinander schien in deutschen Landen ein Naturgesetz zu sein. Doch die Dinge ändern sich rasant. Kirche und Landwirtschaft entfernen sich voneinander: Beider Einfluss schwindet, denn die Bauern werden immer weniger und den Kirchen laufen die Leute davon. Auch der Zusammenhalt bröckelt – und gerade gibt es wieder einmal richtig Ärger.

Er begann drei Tage nach der „Bauernhofkirche“ an der Hochschule für Philosophie in München, als deren Präsident Johannes Wallacher, Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik, am 11. September eine Studie vorstellte. Die Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hatte sie bei einer Sachverständigenkommission in Auftrag gegeben, deren Vorsitzender Wallacher ist. Was die 13 Experten auf 76 Seiten unter dem Titel „Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Biodiversität: Ethische Perspektiven für die globale Landnutzung“ empfehlen, läuft auf nicht weniger als eine andere Landwirtschaft hinaus. Eine, die nicht mehr auf Teufel komm raus produziert, sondern neben wirtschaftlichem Ertrag das Gemeinwohl gleichwertig im Blick hat, mindestens. Den Klimaschutz zum Beispiel, die Artenvielfalt, das Trinkwasser. Weil weltweit, aber auch in Deutschland Boden immer knapper wird, brauche man einen vorsichtigeren Umgang damit. Und deswegen auch eine andere Landwirtschaftspolitik, die Bauern für gemeinwohlorientierte Bewirtschaftung belohne, anstatt flächenbezogen zu subventionieren.

Landwirte drohten mit Kirchenaustritt und machten ihrem Ärger online Luft

Kaum war die Studie veröffentlicht, ging der Sturm los. „Kirche macht Landwirte zu Umweltsündern“, titelte das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt, Zentralorgan der Branche im Freistaat. Der Kommentator des Blattes interpretierte die Studie als katholische „Anbiederung an die städtische Klientel“, wo Landwirte ihre Kritiker hauptsächlich verorten. Ein Kreisobmann des Bauernverbands warf der Kirche gar vor, mit „marxistischen Ideen in linken Berliner Szenevierteln um Mitglieder zu werben“. Landwirte drohten reihenweise mit Kirchenaustritt, und die Kommentarspalten landwirtschaftlicher Blogs laufen mit wütenden Posts aus ganz Deutschland voll. Tenor: Ausgerechnet von der Partnerinstitution Kirche würden die Landwirte schlechtgemacht, pauschal verurteilt und vor den Kopf gestoßen.

Die Empörung macht auch vor Herzkammern des deutschen Katholizismus nicht halt, vor Altötting zum Beispiel, dem berühmtem Marien-Wallfahrtsort. In einem Vorort weigerten sich Landfrauen, die beim Erntedankfest übliche „Erntekrone“ für den Altar ihrer Kirche mit Blumen, Sträuchern und Feldfrüchten zu schmücken. „Wir mussten ein Zeichen setzen, dass wir den Umgang der Kirche mit uns so nicht mehr hinnehmen“, sagt Kreisbäuerin Gabriele Eberl. „Ich bin entsetzt, wie man uns vor den Kopf stößt. Wer engagiert sich denn in den Pfarreien? Wer schmückt die Altäre, arbeitet stundenlang unentgeltlich beim Pfarrfest, betreut Jugendgruppen und engagiert sich, wo immer nötig? Auf dem Land sind das doch vor allem die Bauernfamilien.“

Diese Wut und Enttäuschung sind Signale dafür, dass etwas ins Rutschen geraten ist zwischen katholischer Kirche und Bauernschaft. Allerdings nicht erst am 11. September, als die Studie vorgestellt wurde. Die Entfremdung begann spätestens 2015, als Papst Franziskus seine Enzyklika „Laudato si“ veröffentlichte. Sie ist ein Manifest für ein anderes Wirtschaften, für soziale Gerechtigkeit, die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und vor allem konsequenten Klimaschutz. Noch nie hatte ein Papst ökologische Themen derart unmissverständlich aufgegriffen und in eine Wegweisung für die weltweit 1,4 Milliarden Katholiken für den Umgang mit der Schöpfung verwandelt. Sonderlich viele Schnittmengen mit den Positionen des Deutschen Bauernverbands weist „Laudato si“ nicht auf.

Es liegt sicher auch, aber nicht nur an der Enzyklika, dass Vertreter der katholischen Kirche immer häufiger mit Landwirten aneinandergerieten: Priester und Bischöfe zum Beispiel, die in Bayern für das Volksbegehren „Artenschutz – Rettet die Bienen“ warben. Oder das bischöfliche Hilfswerk Misereor, weil es mit Greenpeace die Forderung erhob: „Kein Essen in Trog und Tank“. Der Zoff macht auch vor protestantischen Kirchenpforten nicht halt. Als 2023 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg bevorzugt fleischlose Biokost angeboten wurde, hagelte es Bauernproteste. Wenige Monate zuvor hatte ein Hamburger Pastor norddeutsche Bauern scharenweise gegen sich aufgebracht, weil er zum Erntedankfest geschrieben hatte: „Die industrielle Landwirtschaft kommt längst ohne Gott aus. Wem soll ich da danken, also ernsthaft? Dem Kunstdüngerkonzern? Passt doch nicht, oder?“

Anruf bei der Katholischen Landvolkbewegung (KLB), die ihrem Namen entsprechend tief im ländlichen Raum wurzelt und daher ein tauglicher Seismograf für das Verhältnis untereinander ist. „Es gibt keinen Zweifel“, sagt Bundesgeschäftsführerin Bettina Locklair, „die Konflikte werden sich weiter zuspitzen, weil die Konkurrenzen um Grund und Boden, um Wasser und andere Ressourcen sich zuspitzen. Allein deshalb kann es auch in der Landwirtschaft kein ‚Weiter-so‘ geben. Die Notwendigkeit im Umgang mit der Natur und vor allem unseren Böden, etwas grundlegend zu ändern, wird mit Blick auf den Klimawandel immer größer. Auch weil die Bauern selbst vom Klimawandel stark betroffen sein werden.“ Das sehen auch manche Landwirte ähnlich, zumindest jenseits des Deutschen Bauernverbands. „Die Klimaerwärmung, ein dramatisches Artensterben, die Verschmutzung des Grundwassers durch Einträge von Nitrat und chemischen Pflanzenschutzmitteln sind Probleme, die sich nicht in Luft auflösen, wenn man sie ignoriert“, so die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Und was die Kirche angeht, habe diese sogar die Pflicht, sich einzumischen, wenn es um die Schöpfung gehe.

Die Kirche hatte nicht mit derartig heftigen Reaktionen gerechnet

Bei der Deutschen Bischofskonferenz scheint man über die Heftigkeit der Bauernproteste dennoch irritiert. Die Studie sei keine offizielle Verlautbarung der Bischöfe, sondern Expertise einer Arbeitsgruppe, sagt der DBK-Sprecher. Sie stelle Landwirte auch nicht unter Generalverdacht, sondern erkenne ihre Leistungen explizit an. „Das Spannungsfeld, in dem Landwirte arbeiten, nimmt breiten Raum in der Studie ein. Es wird darin nicht weniger, sondern mehr Anerkennung für die fundamentalen Leistungen von Landwirten gefordert.“ Inklusive „einer finanziellen Honorierung umwelt- und landschaftspflegender Dienste, die Landwirte für das Gemeinwohl erbringen.“ Auf bayerischer Ebene trafen sich Anfang der Woche Vertreter beider Seiten und versprachen sich wechselseitig „eine Versachlichung der Debatte“, wie es hieß. Es gebe bei genauerer Betrachtung nämlich „viel mehr inhaltliche Übereinstimmungen als Differenzen“.

Auch außerhalb der Landwirtschaft verfolgen Katholiken den weiteren Fortgang mit Interesse. Schließlich sind die Kirchen in Deutschland selbst einer der größten Grundbesitzer; einer Berechnung des Thünen-Instituts gehören ihnen etwa 2,3 Prozent der Flächen – etwa viermal mehr als dem Bund. Und davon wird bei Weitem nicht jede Fläche nachhaltig boden- und klimaschonend verwendet. So gesehen ist die Studie auch ein Lackmustest für die Glaubwürdigkeit der Kirche selbst.

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Anklage gegen den agro-industriellen Komplex

Thomas Hummel/SZ v.25.03.2024

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Bartholomäus Grill, bayerischer Bauernbub und langjähriger Afrika-Korrespondent, wirft den Landwirtschaftskonzernen vor, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören.

Rezension von Thomas Hummel

Als der aktuelle Bauernaufstand begann, da hatte Bartholomäus Grill sein Buch schon geschrieben. Und trotzdem steht drin, was er darüber denkt: „Ich bin jedes Mal hin und her gerissen, wenn Europas Landwirte auf die Barrikaden gehen“, schreibt er, „einerseits verstehe ich ihre wirtschaftlichen Nöte, andererseits erzürnt mich ihre dumpfe Uneinsichtigkeit.“

 

Bartholomäus Grill, geboren 1954 im oberbayerischen Oberaudorf am Inn, vier Jahrzehnte lang Korrespondent für die Zeit und den Spiegel in Afrika, hat sein Wissen und seine Beobachtungen zusammengetragen über die deutsche und weltweite Landwirtschaft. Sein Buch trägt einen Titel, der keine Zwischentöne zulässt: „Bauernsterben: Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört“. Es ist eine 226 Seiten lange Abrechnung, eine Anklage gegen die moderne Landwirtschaft und ihre dahinter liegenden politischen und wirtschaftlichen Interessen. Aus Grills Worten sprechen Wut und eine Warnung an die Gesellschaft.

„Krieg gegen die Natur – und gegen uns selbst.“

Für ihn ist die moderne Landwirtschaft eine der „destruktivsten Kräfte, die die Menschheit je entfesselt hat“. Im Zentrum stehe die Plünderung der begrenzten biologischen Ressourcen und die flächendeckende Zerstörung der Umwelt durch den weltumspannenden agro-industriellen Komplex, der so mächtig geworden sei wie der militärisch-industrielle Komplex. Dieser Agrarkomplex führe einen „Krieg gegen die Natur – und gegen uns selbst“. Gelenkt werde er von internationalen Chemie-, Pharma- und Saatkornkonzernen. Landwirtschaftspolitiker und Bauernverbände lieferten die Propaganda dazu. Die konventionellen Landwirte seien nur das Heer der Fußsoldaten, die mit ihren Traktoren Autobahnen und Innenstädte blockieren oder unliebsame Politikerinnen bedrohen. Streichung der Steuererleichterung beim Agrardiesel? Schutz der Umwelt, der Tiere, des Wassers? Dann gibt’s Rabatz!

Es ist eine harsche Kritik, die Bartholomäus Grill verfasst hat. Er wiederholt dabei, was viele Agrarwissenschaftler, Wasserversorger, Biologen und natürlich Klima- und Naturschützer seit Jahren sagen. Dabei haben sich Fronten gebildet: zwischen Land und Stadt, zwischen Lebensmittelproduzenten und -konsumenten, zwischen denen auf den Feldern und denen in ihren Büros. Genau hier hat Bartholomäus Grill einen Vorteil. Er ist einerseits der „Presseheini aus der Großstadt“, mit dem viele Landwirte nicht einmal reden wollen, wie er selbst beschreibt. Andererseits ist er aufgewachsen auf den Bauernhöfen seiner Großeltern und Eltern.

Gier, Geiz und Profitmacherei

Somit kann er den Strukturwandel in der Landwirtschaft fein nachzeichnen. Seine Kindheit beschreibt Grill als „versunkene Welt“, in der das Gefühl der Zusammengehörigkeit auf dem Land stärker war. Gier, Geiz und Profitmacherei seien verpönt gewesen. Die Großeltern auf dem Bergbauernhof und deren Vorfahren hätten nachhaltig gewirtschaftet, Ressourcen geschont. Auch sein Vater beherzigte die Regeln noch. „Dann brach der Fortschritt auf die Bauern herein“, schreibt Grill.

Es wurde damals „grüne Revolution“ genannt, ein Ausdruck, der in konservativen und rechten Parteizirkeln heute unter Strafandrohung verboten ist. In den 1960er-Jahren hieß das: Chemie auf die Äcker, Pestizide, Kunstdünger. Dazu Aufzuchtbeschleuniger für die Tiere. Regeln der Natur? War von gestern. Jetzt lieber Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Bartholomäus Grill: Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Siedler-Verlag, München 2023. 240 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
Bartholomäus Grill: Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Siedler-Verlag, München 2023. 240 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro. (Foto: Siedler)

Grill beschreibt die Folgen: mehr Erträge mit weniger Mitarbeitern. Nötige Investitionen in Geräte, Ställe, Dünger. Verschuldung vieler Bauern. Sterben der Höfe. Und das über Jahrzehnte, egal, wer gerade regierte. Ende der 1950er-Jahre gab es in Westdeutschland fast 1,4 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, im Jahr 2023 in Gesamtdeutschland noch 255 000. Weil die Großbetriebe immer billiger produzierten, konnten die kleinen nicht mithalten. Und weil ein Großteil der EU-Subventionen (bis heute) pro Liter Milch oder pro Hektar Land ausbezahlt wurden und werden, profitieren immer weiter die großen.

Landwirte, entkoppelt von der Natur?

Ein Phänomen, das nicht nur auf Oberbayern, Deutschland oder Europa beschränkt ist. Sondern sich über die ganze Welt ausgebreitet hat. Grill berichtet aus Brasilien, den USA, von den Philippinen und vor allem aus Afrika. Lokale Eliten vertreiben indigene Völker, roden Wälder, um an Land zu kommen. Kleinbauern ackern am Rande der Existenz, der Klimawandel setzt ihnen zusätzlich zu, auch wenn einige von Grills Protagonisten davon noch nie was gehört haben. Agrarkonzerne bieten genverändertes Saatgut und gleich das dazu passende Pestizid an. Die Landwirtschaft degradiere Böden, verseuche Wasser, quäle Tiere, habe sich von Natur entkoppelt, schreibt Grill. Er wirft ihr „Beihilfe zum Ökozid“ vor.

Die entscheidende Frage stellt er im vorletzten Kapitel: „Was tun?“ Es gebe viele Ideen, viele Pläne, viele Lösungen. Grill plädiert für eine agrarökologische Wende, eine neue grüne Revolution. „Die Politik muss sich vom Primat der Wirtschaft befreien und wir alle werden radikal umdenken und unser Verhalten ändern müssen.“ Es ist ein drastischer Appell eines Weitgereisten. Und Grill selbst weiß: Da schwingt „eine Menge Hilflosigkeit“ mit.

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Dunkle Wolken über dem Deal: Ziele anzukündigen ist zu wenig

Leitartikel von Michael Lohmeyer/Die Presse v. 12.02.2024

Die Natur folgt eigenen Regeln und schließt keine Kompromisse. Deshalb funktioniert echter Klimaschutz nur mit echter Nachhaltigkeit.

An diese Woche wird man sich noch längere Zeit erinnern. Es sind jene Tage, in den die Europäische Union einen Traum ausgeträumt hat. Der Green Deal wurde unsanft auf den Boden geholt. Obwohl: Anfangs hat es gar nicht danach ausgesehen, da wurde eine Kernbotschaft der europäischen Klimapolitik noch präzisiert. Auf dem Weg zu Netto-null-Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 solle zehn Jahre vorher ein Minus von 90 Prozent erreicht werden. Das klang ganz danach, als nehme Europa die historische Verantwortung ernst und zeigt vor, wie eine moderne Gesellschaft Klimaneutralität und Wohlstand vereint.

Aber selbst diese Ankündigung hat nicht verbergen können, dass die Sache einen Haken hat: Denn das Etappenziel 2040 soll zu einem knappen Zehntel realisiert wird, indem Kohlendioxid in leergepumpten Lagerstätten von Erdgas- und Erdölvorkommen gepresst wird. Das freilich ist derzeit nicht mehr als Zukunftsmusik: Denn bei der Tiefenspeicherung (CCS) von Kohlendioxid sind viele Fragen offen (nicht nur die der Finanzierung): Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen? Wie viel CObleibt auf der Strecke, entweicht also vorzeitig auf dem Weg in die Tiefe in die Atmosphäre? Wie lang dauert es, ehe ein wirkliches Netto-Null erreicht wird, bis also auch die Emissionen beim Bau einer CCS-Anlage kompensiert sind?

Es war kurz vor Weihnachten 2019, als Kommissionspräsidentin von der Leyen den Green Deal vorstellte. Wirtschaft und Umweltverträglichkeit sollten dabei auf einen Nenner gebracht werden. Angestrebt wurde echte Nachhaltigkeit – im Sinne dessen, was viele mit „enkeltauglich“ umschreiben. Ganz einfach: Späteren Generationen sollen keine Altlasten hinterlassen werden, ein Zahnrad soll ins andere greifen: Schutz des Klimas, der Biodiversität, Kreislaufwirtschaft oder Kampf gegen die Mikroplastikflut. Kurz schien es, als sei dies parteiübergreifender Konsens.

Verordnungen und Richtlinien wurden entworfen, aber schon die ersten Debatten über die Details – von der konkreten Abgrenzung der Betroffenen bis zu den Feinheiten juristischer Formulierungen – förderten zutage, dass über dem „Green“ die dunklen Wolken des „Deals“ schweben.

Seither sind wir Zeugen, wie der Green Deal nicht nur Federn lassen musste, sondern vielmehr schonungslos gerupft worden ist: Angriffe auf Brache für kleine Ackerrandzonen (um der Biodiversität willen), Attacken auf das Natur-Wiederherstellungs-Gesetz, die Regeln für Gentechnik bei Saatgut, die EU-Verordnung gegen Entwaldung, gegen das Lieferkettengesetz, die Richtlinie über Sorgfaltspflichten von Unternehmen oder das Aus für die Halbierung des Pestizideinsatzes – der hehre Anspruch von einst wurde ruppig auf den Boden der Realität geholt.

Getrieben vor allem von Konservativen und noch weiter rechts beheimateten Parlamentariern ging die Kommission vor Industrie und Agrarlobby in die Knie; wie tief, zeigt der Text, mit dem die EU den Fortgang des Green Deal für den mit 386 Milliarden Euro größten Brocken des EU-Budgets, die Agrarpolitik, skizziert: „Wirksame agrarpolitische Maßnahmen auf der Grundlage eines strategischen Dialogs.“ Das liest sich auch so: „Erst einmal abwarten, nichts überstürzen.“

Von „Enkeltauglichkeit“ ist genauso wenig die Rede wie von Nachhaltigkeit, beides an die Wand gedrückt vom Vorwurf angeblich überbordender Bürokratie und schwindender Standortqualität. Der Green Deal steht vor allem an der Kippe, weil die Landwirtschaft nicht bereit ist, ernsthaft mitzumachen.

Der Blick über die politische Arena hinaus zeigt aber: Nur echte Nachhaltigkeit sichert beständige Standortqualität. Denn die Natur folgt ihren eigenen Regeln, deren Nichteinhaltung einen Preis hat und durch Dürre oder Überschwemmungen in Rechnung gestellt wird.

Es ist an der Zeit, das wahre Match zu benennen: industrialisierte Landwirtschaft gegen eine nachhaltige. Solang echte Nachhaltigkeit nicht über ein Nischendasein hinauskommt, so lang bleibt echter Klimaschutz auf der Strecke. Es ist viel zu wenig, Ziele lediglich anzukündigen.

E-Mails an: michael.lohmeyer@diepresse.com

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Falter.natur Der Nachhaltigkeitsnewsletter

Geht es um Tiere, bin ich für diesen Newsletter eigentlich unqualifiziert, denn ich bin kein Tierfreund im klassischen Sinn. Ich fürchte mich vor Hunden und erschrecke mich vor Mäusen. Katzen, finde ich, riechen nicht so gut. Wenn ich im Meer schwimme, denke ich nie: „Wow, toll, Fische!“ Sondern immer: „Oh, fuck, Fische!“

Ich hatte in der Kindheit keine Haustiere, dafür eine Bienenallergie. Die einzigen Viecher, die meine Eltern anschafften, waren vier Enten – sie sollten die Schnecken im Garten fressen. Wenn ich bloßfüßig Fußball spielte, bin ich ständig in ihrer weichen Kacke ausgerutscht. Ich habe die vier „Gogaz“, „Net“, „Sou“ und „Fll“ getauft, was oststeirisch ist und zusammengenommen frei übersetzt „Seid ein bisschen leiser“ bedeutet.

Meine Sensibilisierung für ökologische Themen kommt nicht davon, dass ich Tiere liebe, sondern daher, dass ich die Menschen sehr mag. Unsere Spezies finde ich die interessanteste von allen, sie kann zugleich zum Mond fliegen und die Erde in die Luft jagen. Der ökologische Kollaps, den der geniale Homo sapiens durch beharrliche Arbeit herbeiführt, bedroht ihn mittlerweile selbst existenziell.

Laut dem brandneuen Global Risks Report sind die vier größten Gefahren für die Welt: Extreme Wetterereignisse. Kritische Veränderung der Erdsysteme. Verlust der biologischen Vielfalt und Zusammenbruch von Ökosystemen. Knappheit von natürlichen Ressourcen. Mit „Verschmutzung“ schafft es noch eine fünfte ökologische Krise in die Top 10.

Diese Gefahren hängen miteinander zusammen. Und sie alle gründen auf dem Erfolg der Menschheit. Ebenso wie die Zahl der Menschen explodiert ist – im Jahr 1500 gab es laut Schätzungen rund 461 Millionen von uns, mittlerweile stehen wir bei mehr als 8 Milliarden – ist unser Ressourcenverbrauch gestiegen. „Im Jahr 1500 verbrauchte die Menschheit pro Tag 13 Billionen Kalorien Energie. Heute verbrauchen wir pro Tag 1500 Billionen Kalorien“, schrieb der Universalhistoriker Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit„, den er im Jahr 2011 veröffentlicht hat. Die Evolution des Homo sapiens ist phänomenal. Wie er sich den Planeten aneignete und letztlich dominierte, bleibt in der Erdgeschichte ohnegleichen. Wir sind vom gejagten Affen zum König der Tiere aufgestiegen. Wir sind Despoten.

Vergangenen Oktober erschien eine Studie, die zugleich wenig überraschend und doch sehr aussagekräftig ist. Forscher:innen hatten ausgetestet, wovor sich die wilden Tiere im südafrikanischen Krüger-Nationalpark am meisten fürchten. Sie spielten ihnen über Lautsprecher Hundegebell, Gewehrschüsse, Stimmen von Menschen und Geräusche von Löwen vor – die Raubkatze gilt in der Savanne schließlich als die gefürchtetste Spezies. Das Ergebnis: Wenn Leoparden, Nashörner, Hyänen, Giraffen, Zebras und Co Menschenstimmen hörten, nahmen sie deutlich häufiger Reißaus als bei Löwengeräuschen oder Schüssen.

Welche Arten leben dürfen, welche sterben sollen, entscheiden wir. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 hat die Menschheit seit Beginn der Zivilisation 83 Prozent aller wildlebenden Säugetiere vernichtet. Wir haben dadurch einiges aus dem Gleichgewicht gebracht. Alle Menschen zusammen wiegen fast 20 Mal so viel wie alle wildlebenden Landsäugetiere zusammen. Und zehn Mal so viel wie alle Meeressäuger. Das zeigt diese Studie aus dem Vorjahr, derzufolge nur eine Gruppe von Säugetieren mehr auf die Waage bringt als wir selbst: jene der Haus- und Nutztiere. Sie wiegen nahezu 30 Mal so viel wie die wildlebenden Säugetiere an Land. Allein die Haushunde sind so schwer wie alle wilden Säugetierarten zusammen.

Der Kampf gegen die Wildnis geht indes weiter. Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) setzt sich gerade dafür ein, dass man den streng geschützten Wolf leichter abschießen kann. Auch die EU-Kommission schlug im Dezember vor, den Schutzstatus des Beutegreifers aufzuweichen. In Kärnten befeuert in diesen Tagen die Landwirtschaftskammer die Wolfsdebatte.

Ich verstehe wirklich alle, die sich vor dem Tier fürchten, ich schrecke ja selbst schon vor einem aggressiven Chihuahua zurück. Aber wenn ich mir dieses Ungleichgewicht auf der gigantischen Säugetier-Weltwaage vorstelle und an die Aussagen des neuen Global Risks Report denke, fällt mir unweigerlich dieser lateinische Ausspruch ein, den ich einmal gelernt habe, um klüger zu wirken, als ich bin: Homo homini lupus.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

Bild von Benedikt Narodoslawsky

Ihr Benedikt Narodoslawsky

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