Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Buchautor Josef Hochrichter

War “Ötzi” Schwammerlsucher? Oder wie viele Tonnen wiegt der schwerste Pilz der Welt? Ein neues wissenschaftliches Pilzbuch gibt Antworten.

WIEN. Wer dieses Buch gelesen hat, wird seine Eierschwammerl in Zukunft mit größerer Ehrfurcht pflücken und essen. Denn Pilze, so das Fazit des Salzburger Biologen Robert Hofrichter, sind ein Wunder. Sie wachsen in den heißesten Wüsten Asiens und in den kältesten Gebieten der Arktis. Sie können groß sein wie Wale und klein wie Mikroben. Sie können uns heilen und sie können uns vergiften. Sie können tote Böden in lebende verwandeln und sie können Fleisch fressen. Man kann mit ihnen Feuer schlagen und den Hunger stillen. Sie können mit Lassos Nahrung fangen und sie können in der Nacht leuchten. Pilze sind einfach ein Wunder.

Man weiß nicht genau, was sie sind. Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere, sondern eine eigene, dritte Lebensform. Dabei stehen die Pilze den Tieren sogar näher als den Pflanzen, denn sie betreiben keine Photosynthese, sondern müssen “fressen”. Pilze leben aber in Symbiose mit Pflanzen. Sie liefern ihnen Mineralien und Nährstoffe, dafür bekommen sie von den Pflanzen Vitamine und Zucker aus der Photosynthese zurück.

Dieser Austausch erfolgt unterirdisch, also dort, wo sich der eigentliche Pilz befindet. Denn der Pilz besteht aus drei Komponenten: Das Schwammerl, das wir kennen, ist nur der Fruchtkörper. Der eigentliche Pilz sind die Pilzfäden in der Erde. Und die dritte Komponente sind die Pilzsporen, die der Fortpflanzung dienen.

 

Das unterirdische Netz der Pilzfäden ist ungeheuer dicht gewoben. Hofrichter schreibt, dass ein Kubikzentimeter Erdboden bis zu 20 Kilometer hauchdünner Pilzfäden enthalten kann. Dieses Myzel vernetzt Pilze und Pflanzen und ermöglicht den beschriebenen Stoffaustausch. Ein “Internet der Bäume” sozusagen. 90 Prozent aller Pflanzen leben in Symbiose mit Pilzen. Es gibt aber auch fleischfressende Pilze. Manche von ihnen bilden lassoartige Schlingen, mit denen sie Fadenwürmer fangen. Die erwähnten Sporen werden von den Pilzen in gigantischen Mengen produziert. Ein Steinpilz kann bis zu 30.000 Sporen freisetzen – pro Sekunde. In jedem Kubikmeter Luft befinden sich bis zu 10.000 Pilzsporen. Mit jedem Atemzug atmen wir zehn Pilzsporen ein. Was aber nicht gesundheitsschädigend ist. Ganz im Unterschied zum Genuss mancher Pilze, etwa des giftigen Knollenblätterpilzes. Wobei “giftig” relativ ist. Dem Menschen fehlt das Enzym, um das Gift dieses Pilzes abzubauen. Das Kaninchen hingegen hat es und kann daher Knollenblätterpilze essen. Die alte Faustregel, dass man von Tieren angefressene Pilze bedenkenlos essen kann, ist daher falsch. Schleichend wirkt das Gift des Kahlen Kremplings, der früher als essbar galt. Sein mehrmaliger Verzehr führt zur Auflösung der roten Blutkörperchen und damit zu einem langsamen Tod.

Doch Pilze sind nicht nur “Killer”, sondern auch Lebensretter. Das Antibiotikum Penicillin, das Hunderten Millionen Menschen das Leben gerettet hat, ist ein Schimmelpilz.

In unseren Breiten gibt es rund 10.000 Großpilzarten, also Pilze, deren Fruchtkörper mit freiem Auge zu sehen sind. Weltweit sollen 1,5 Millionen Pilzarten existieren. Die Spannweite der Erscheinungsformen ist enorm. Der größte jemals gefundene Pilz war ein Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon. Er war 600 Tonnen schwer und nahm eine Fläche von 880 Hektar ein, das entspricht 1200 Fußballfeldern. Die kleinsten Pilze sind Einzeller. Sie kommen sogar im Meer vor. Selbst im extrem salzhaltigen Toten Meer wurden 70 Pilzarten gezählt.

Pilze sind überaus robust. Sie kommen sogar mit radioaktiver Strahlung zurecht. In der Reaktorruine von Tschernobyl wurde ein Pilz gefunden, der bei einer Strahlendosis, die für jedes andere Lebewesen absolut tödlich wäre, prächtig gedeiht. Offenbar können Pilze radioaktive Strahlung als Energiequelle nutzen.

Andere Pilze leben in den Kerosinleitungen von Flugzeugen. Dank ihrer speziellen Fähigkeiten werden Pilze zur Sanierung von kontaminierten Böden eingesetzt. Sie haben die Fähigkeit, dem Boden Schwermetalle zu entziehen und in ihrem Wurzelgewebe zu speichern.

Der Similaun-Mann vulgo “Ötzi” hatte zwei Pilze bei sich: einen Zunderschwamm zum Feuermachen und eine Scheibe eines Birkenporlings. Dies ist ein Heilpilz, dessen Sud gegen Magenbeschwerden hilft, und der antibiotisch wirkt, wenn man ihn auf eine Wunde legt.

Kurzum: Hut ab vor dem Eierschwammerl und seiner weitverzweigten Verwandtschaft!

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