Unter jeder Sau

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Unter jeder Sau

Die massiven Missstände bei Österreichs Schweinemast nehmen kein Ende. Die AMA verspricht schärfere Kontrollen. Konsumenten sollen auf Lebensmittelverpackungen mehr Einblick in die Tierhaltung erhalten. Verena Kainrath
95 Prozent der österreichischen Schweine leben auf engstem Raum, vorwiegend auf Vollspaltenböden, ohne Einstreu und Auslauf ins Freie. Foto: Imago
95 Prozent der österreichischen Schweine leben auf engstem Raum, vorwiegend auf Vollspaltenböden, ohne Einstreu und Auslauf ins Freie. Foto: Imago

Schweine mit blutig verkrusteten Wunden und abgebissenen Schwänzen drängen sich in engen kotigen Buchten. Zwischen ihnen liegen tote verweste Tiere, von Fliegen umschwärmt, viele mit aufgerissenen Bäuchen, andere bis zur Unkenntlichkeit zerfressen. Auf den Gängen verstreut sind Kadaver, Gerippe, Knochen. Es ist blutige Mast inmitten eines Schlachtfelds.

Die Aufnahmen aus einem Stall mit 2000 Schweinen in Niederösterreich vom 16. Juni waren ein Zufallsfund für Tierschützer. Ein Einzelfall sind sie nicht. Erst im April erschütterten Bilder schwerverletzter Ferkel aus einem Mastbetrieb in Kärnten die Fleischbranche.

Was beide Skandale miteinander verbindet, ist das Gütesiegel der Agrarmarkt Austria. Ihre Auslöser waren familiäre Krisen: In Kärnten ein betagter Bauer, der mit der Betriebsführung überfordert war. In Niederösterreich ein Sohn, der seinen Vater bei einem schweren Unfall verlor und zur Betreuung seiner Tiere nicht mehr in der Lage war. Versagt haben hier wie dort die Kontrollen.

Wie kann es sein, dass die Zivilgesellschaft aufzeigt, was Schlachthäusern, Tierärzten, Tierkörperverwertungsanstalten, Anrainern und Behörden verschlossen bleibt?

Ställe wie Konservendosen

David Richter vom Verein gegen Tierfabriken brachte die Missstände mit an die Öffentlichkeit. Er berichtet von Ställen, die im Dienste der Hygiene unzugänglich wie Konservendosen seien. Betreten würden diese bis auf rare Ausnahmen allein ihre Besitzer. Abluftsysteme ersetzten offene Fenster. Falle die Lüftung oder Kühlung aus, breche das filigrane System in sich zusammen.

Für ein krankes Schwein den Arzt zu holen zahle sich wirtschaftlich in der Regel nicht aus. Zu hoch sei der Preisdruck des Marktes.

 AMA prüft regulär alle drei Jahre, bei Risikobetrieben alle zwei Jahre oder einmal jährlich. Sie lagere Kontrollen an Gesundheitsdienste aus, die mit Betreuungstierärzten kooperierten, die zugleich aber auch Prüfinstanz seien, kritisiert Richter.

Der Staat selbst schreibt vor, dass jährlich nur fünf Prozent der Mäster zu kontrollieren sind – im Schnitt also eine Prüfung alle 20 Jahre.

Sechs Monate währt die Mast eines Schweines. Ein Viertel stirbt zumeist vor der Schlachtung, ist Richter überzeugt. Was den Landwirt in Korneuburg aus seiner Sicht von anderen unterschied: „Er ließ seine Tiere im Stall verwesen.“ Die Bauern selbst stellt er nicht an den Pranger: Sie seien in einem von Masse und Preis getriebenen System gefangen.

Der Betrieb wurde nach einer Anzeige gesperrt. Die AMA kündigt für ihn Sanktionen an, „die sich gewaschen haben“. Fällig wird die finanzielle Höchststrafe. Für das Siegel ist der Mäster gesperrt. AMA-Sprecherin Manuela Schürr versichert, dass man das Kontrollsystem nun nachschärfe. Die Prüffrequenz werde erhöht, die Vernetzung von Daten ausgebaut. Die Verantwortung liege aber bei den Bauern. „Sie haben sich zu Qualitätsstandards verpflichtet, die sie einhalten müssen.“

Von extremen Fällen von Tierquälerei spricht Johann Schlederer. Der Chef der Schweinebörse drängt auf ein neues Alarmsystem. Auffälligkeiten, etwa bei der Fleisch- oder Lebendbeschau, gehörten von elektronischen Datenbanken aufgearbeitet. Damit ließen sich schleichende Prozesse der Verwahrlosung besser in den Griff bekommen.

Rütteln die verstörenden Einblicke hinter österreichische Stalltüren die Politik wach? Tiere dürften nicht länger als Produkt, sondern müssen als Lebewesen gesehen werden, sagt Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne). „Der Vorfall zeigt, dass das System nicht stimmt.“

Einkauf nach Punkten

Zu strengerem Schutz von Nutztieren hat sich die Regierung bisher jedoch nur bedingt durchgerungen. Hart umstrittene Vollspaltenböden bleiben voraussichtlich ebenso erlaubt wie routinemäßiges Kupieren von Ringelschwänzen und Kastrieren ohne Narkose.

Bewegung kommt in eine bessere Kennzeichnung von Fleisch. Vorbild ist Deutschland, das bereits seit 2019 die Tierhaltung ausweist, unter der Frischfleisch produziert wird, und diese nun auch auf verarbeiteten Produkten sichtbar machen will.

 In Österreich arbeiten AMA und Lebensmittelhandel seit Ende 2021 an einem entsprechenden Punktesystem. Statt vier Kategorien wie in Deutschland soll es hierzulande fünf geben. Die niedrigste basiert auf gesetzlicher Basis und gilt derzeit für die Hälfte aller gemästeten Schweine in Österreich: Einem Tier stehen 0,7 Quadratmeter zu. 20 Schweine teilen sich damit Boxen von 15 Quadratmetern. Stufe zwei bis vier fallen in die Verantwortung der AMA, sehen zehn Prozent bis doppelt so viel Platz vor und stufenweise weniger Tierleid. Kategorie eins ist Bio mit permanentem Auslauf ins Freie.

45 Prozent der Schweine leben nach wie vor ohne Einstreu auf 0,77 Quadratmetern pro Tier.

Rauch verspricht bis Jahresende Nägel mit Köpfen. Es spießt sich jedoch an Details optischer wie inhaltlicher Natur. Stärker als bisher wollen auch Bauernbund und Landwirtschaftskammer eingebunden sein.

Dass die Gastronomie verbindlich mitzieht, gilt im ersten Schritt als ausgeschlossen. Warten heißt es wohl auch für Konsumenten, die auf zusätzliche Informationen über verarbeitete Lebensmittel hoffen.

Sebastian Theissing-Matei, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, erwartet sich durch höhere Transparenz einen größeren Hebel für mehr Tierwohl als durch Gesetze, die nur Minimalkompromisse seien. Er erinnert an die schon vor Jahren erfolgte Kennzeichnung der Käfigeier. „Es war der Knackpunkt, um sie aus Supermarktregalen zu verbannen.“

Was Fleisch betrifft, hätten in Deutschland fast alle großen Handelsketten, darunter Rewe und Aldi, die schlechteste Haltungsstufe ausgelistet. Schlederer bleibt skeptisch: „80 Prozent der Konsumenten wollen mehr Tierwohl. Aber nur 20 Prozent kaufen entsprechend ein.“

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