Billige Lebensmittel? Irmi Salzer auf Twitter

 

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Die Debatte „billige #Lebensmittel sind der Kern allen Übels“ vs „wir brauchen Schnitzel um 3,99 das kg, ihr Bio-Bobos“ ist soooo schwarz-weiß und so uralt und wird mit so oberflächlichen Argumenten geführt, dass mir graust. Ein Versuch einer Einordnung.
Die europ Agrarpolitik konzentriert sich seit Jahrzehnten darauf, die Agrarproduktion zu subventionieren. Vor allem werden/wurden tierisches Eiweiß, also Milch, Fleisch u Eier), Zucker und Getreide subventioniert (anfangs über direkte Subventionen, jetzt über Flächenzahlungen)

In den 50/60ern gab es 2 große Ziele:

1. Hunger in Europa zu lindern, also mittels Produktionssteigerung mehr Lebensmittel zu produzieren und diese billiger zu machen.

2. Mittels Rationalsierung und Technologieeinsatz den Arbeitskräftebedarf in der LW zu senken, um mehr Arbeitskräfte für die Industrieproduktion zur Verfügung zu haben („freizusetzen“) .

Das ist ziemlich rasch gelungen – in D waren 1950 knapp 7 Mio Menschen in der LW erwerbstätig, 1970 nur mehr knapp 3 Mio. 2010 war es nicht mal mehr 1 Mio. https://t.co/74PdQwqKbN
Seit den 80er Jahren werden in Europa mehr Lebensmittel produziert, als wir für die Ernährung der Europäer:innen benötigen. Die Überschüsse werden auf dem Weltmarkt abgesetzt, damit europ. Exporteure konkurrenzfähig sind, wird fleißig weiter subventioniert. Das zerstört Märkte im Globalen Süden und macht Produzent:innen zu Subventions-Abhängigen. Die Lebensmittelpreise sind im Vergleich weiter stark gesunken – vor allem bei tierischen Produkten. So kann sich fast jede:r die tägliche Menge Wurst oder Fleisch leisten und das Luxusprodukt Fleisch wurde zum alltäglichen Essen. Profitieren tun im Endeffekt die großen Fleischkonzerne, die Menschen und Tiere ausbeuten und das Klima extrem schädigen. Gleichzeitig haben sich aber viele an das „tägliche Schnitzel“ gewöhnt und empfinden es als Übergriff, wenn jemand vorschlägt dass Fleisch halbwegs so viel kosten sollte, wie es kosten müsste, wenn es nicht mit Milliarden Euro Steuergeld jährlich subventioniert würde. Bei Obst u Gemüse schaut das ganz anders aus. Die wurden nie so stark subventioniert und kosten im Vergleich extrem viel. Schaut doch mal, was 1 kg Äpfel oder Fisolen im Vergleich zum Kotelett kostet u berechnet da den Kaloriengehalt mit ein – in meinen Augen ist das der wahre Skandal, dass sich Armutsbetroffene gesundes Essen viel weniger leisten können als hochindustrialisierte, oft ungesunde
Lebensmittel mit viel zu viel Fett, Zucker u tierischem Eiweiß.

Die imho wichtigste Forderung müsste daher sein, dass sich ALLE Menschen gutes, gesundes u auch fair produziertes Essen leisten können. Und dass das aber auch nicht auf Kosten einer Bevölkerungsgruppe geht, die seit Jahrzehnten nur mittels – noch dazu schlecht u unfair verteilter- Subventionen überleben kann.

Hören wir doch auf, Sozialpolitik mit Lebensmittelpreisen machen zu wollen. Verbünden wir uns mit den Bäuerinnen, die eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung betreiben
kämpfen wir für bessere Löhne, Mietdeckel, Vermögenssteuern etc. Arbeiten wir weiterhin an solidarischen Projekten wie die solidarische Landwirtschaft oder Foodcoops und anderen Kooperationen zwischen Erzeuger:innen u Verbraucher:innen.

Aber hören wir doch bitte damit auf zu behaupten, dass es eine Sozialleistung wäre, sich täglich eine Leberkässemmel oder ein Billigkotelett kaufen zu können. Und hören wir andererseits auf zu glauben, dass höhere Lebensmittelpreise allein ein völlig perverses Agrarsystem revolutionieren könnten, mit dem
der Planet zerstört wird, Menschen ausgebeutet und krank gemacht werden und Tiere wie der letzte Dreck behandelt werden. Suchen wir uns doch die richtigen Gegner:innen, und das sind nicht die Grünen wie zB @cem_oezdemir sondern die globalen Agrar- und Agrarchemiekonzerne.

Oder eine Interessenvertretung, die nicht versteht, dass sie die LW an die Wand fährt, die fruchtbaren Böden zerstört und Biodiversität ausrottet. Es sind diejenigen, die von dem System profitieren, denen wir mit Widerstand und scharfer Kritik kommen müssen.

Hört auf Orgas wie die globale Kleinbäuerinnenbewegung @via_campesina, lest den Fleischatlas und redet mit denjenigen, die an Alternativen arbeiten.

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Ein paar Links noch:

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